Ann Kathrin Scheerer: Leidenschaftliche Aggression als Tabu?

Aggression ist eine Kraft, die der Selbstbehauptung des Individuums in der Welt dient und ohne die wir weder geboren würden noch leben könnten. Zugleich trifft das Wort auf negative Assoziationen, die Aggression begrifflich und inhaltlich mit dem Bösen in der Welt und im Menschen gleichsetzen. Wer gegen „Aggression“ ist, ist scheinbar für das „Gute“. Dies ist kurzsichtig und kurz gegriffen, engt zudem den Umgang mit Aggressivität gefährlich ein.

Ich folge hier dem Versuch, „Aggression“ im erstgenannten, lebenserhaltenden Sinne zu verstehen und zusammen mit den Begriffen „Leidenschaft“, „frühe Kindheit“ und „Tabuisierung“ in einen Zusammenhang mit dem Thema „Generativität“ zu stellen.

Zunächst: Aggression

„(…) Jeder offensichtliche Ausdruck von Destruktivität, Vernichtungswillen, Wut oder Kampfbereitschaft (wird) im Interesse der zivilen Ordnung unterdrückt. Auch das Gefühl der Wut wird blockiert und sogar verdrängt. Die Menschen sind empfindsam, tolerant, höflich und kooperativ, während sie sich herumschubsen lassen. Aber die Anlässe für Wut sind keineswegs geringer. Im Gegenteil, ( ….) Ständig wird kleiner Ärger erzeugt, der sich nie Luft verschafft; große Wut, die mit großem Engagement einhergeht, wird verdrängt.“ 1 So schreibt Fritz Perls 1951 in seinem Buch über die gefährdeten „Grundlagen der Lebensfreude“.

Wer wütend wird, so urteilen wir heute, schwächt seine Argumente. Zu den Kindern sagt man: „Wer haut, hat unrecht.“ Dies scheint an der pädagogischen Oberfläche, auf der ein störendes Verhalten verhindert werden soll, ein wirksamer und vernünftiger Satz zu sein. Er ist nur falsch. Und was bewirkt er womöglich im instabilen Ich eines Kleinkindes, das seine Grenzen noch nicht anders verteidigen, seine subjektive Rechtsposition noch nicht anders konstituieren, seinen Affekt, sein Argument noch nicht anders ausdrücken kann? Die Auseinandersetzung wird sofort konstruktiver und differenzierter, die Aufmerksamkeit wacher, wenn wir versuchsweise davon ausgehen: wer wütend ist, hat – irgendwo - auch recht, und wir uns etwas unempfindlicher machen gegen politisch unkorrekten interpersonellen Krawall.

Wir schätzen uns zurecht glücklich in unseren hiesigen zivilen gewaltfreien Zeiten, aber die Anpassungsforderung, sich friedlich zu verhalten, eigene Aggressivität und deren ungebändigten Ausdruck zu zügeln, hat einen Preis: womöglich verlieren wir - nein, wir haben schon verloren! - die zwischenmenschliche Kunstfertigkeit, die Übung, mit Aggressionen selbstverständlich und angstfrei und kompetent mit-haltend umzugehen.2 Wenn wir eigene Aggressivität im Sinne der geforderten Friedfertigkeit unterdrücken oder verleugnen, werden wir sie unbewusst, da sie ja nicht unbenutzt verschwindet, sowieso zügig projizieren, beim Anderen wittern und damit auch die (berechtigte) Angst vor dem aggressiven Bumerang vergrößern.

In unseren therapeutischen (Übertragungs-)Beziehungen, die ein milder Abglanz der frühen Beziehungserfahrungen sind, erkennen wir die Hemmung der Aggressionslust als eine Ursache psychischer Wachstumsblockaden, - wenn wir beginnen, uns zu langweilen, wenn es eintönig wird. Wenn an den Grenzen der beteiligten Ichs gar keine Funken mehr sprühen. Ohne die Aggressionslust, wenn man nicht zupacken, zubeißen, angreifen, festhalten, durchsetzen kann, wie soll sich dann ein Ich etablieren, sicher fühlen können und aus der Sicherheit und Abgegrenztheit heraus dann auch „leidenschaftlich“ werden können?

Das Problem mit dem Wort „Aggression“ ist ja – wie anfänglich erwähnt - sein negatives öffentliches Assoziationsfeld. Wessen Kleinkind schon als „aggressiv“ verschrieen ist, der oder die schämt sich schnell, fühlt sich schuldig und zur Verantwortung gezogen. „Dein Kind ist so aggressiv!“ Aber wir sollten doch über ein Kind „in ganzen Sätzen“ 3 nachdenken und zu verstehen suchen, welche Problemlage es aggressiv thematisiert. Ist es Trennungsschmerz und Hilflosigkeitswut, wie bei dem kleinen Jungen, der von seiner Mutter am Morgen in der Krippe eilig stehengelassen wird und dann, quasi als Antwort, mit dem bobbycar der Erzieherin heftig an die Schienbeine fährt, bis sie „Aua“ schreit? Er lacht über ihre Reaktion und wiederholt die Attacke mehrfach, bis es Streit gibt. Die Erzieherin versteht den Sprechakt nicht, mit dem das Kind seinen Schmerz über das übergangslose Verlassenwerden externalisiert und ihn buchstäblich der Erzieherin zu fühlen gibt, um ihn selbst in der Reaktionsbildung des Lachens zu verwandeln und loszuwerden. Das Kind gilt eben schon als „aggressiv“ und „auffällig“. Wenn sicher nicht immer als Privatpersonen, so sind wir als PsychoanalytikerInnen aber in der Lage, Angriffslust, Zerstörungslust, Vernichtungslust als Veränderungskraft, als Potential der kreativen Grenzüberschreitung, als Triebkraft für Separation und Individuation zu verstehen.

Gerade wenn es um die Aggressionen in der frühen Kindheit geht, müssen wir die Ich-konstituierende Funktion des „aggredere“ (lat.): des Nach- vorne- Strebens verstehen und dürfen nicht voreilig und ängstlich moralisieren. Ich denke an einen kleinen Jungen in der Krippe, der beißt. Die Mutter wird darüber – sie hört natürlich: Vorwurf! - in Kenntnis gesetzt und schämt sich nun für ihr Kind, zweifelt ebenso an sich selbst. Sie stimmt zu: ja, wenn der Sohn beißt, dann soll er, darf er von den Betreuerinnen in den Nebenraum, also auf Abstand gebracht, isoliert werden, damit er nicht mehr herankommt an die Anderen. Niemand machte sich die Mühe oder nahm sich die Zeit zu überlegen, warum das Kind beißt. Aggressionen sind aber zum Verstehen da, nicht zum Unterdrücken, gerade das Beißen ist „Kindersprache“ und kann alles mögliche heißen zwischen „geh weg“ und „komm her“, zwischen „ich liebe dich“ und „ich hasse dich“. Für ein zweijähriges Kind ist es auch schon eine oral-regressive Aggression, die mit Überforderung und Überwältigungserlebnissen zu tun haben kann, wenn es ihm „seelisch zu eng“ wird.

Kindlich-aggressives Verhalten dient - als Selbstausdruck im Kontakt mit der Umwelt- immer dem Beziehungserhalt, es soll den Kontakt herausfordern und stärken, sonst droht eine Selbst-Schwächung, ein Selbstverlust, der im (einsamen) Rückzug nach innen bewältigt werden muss. Denn Aggression konstituiert ja nicht nur das Ich, sie bewirkt auch eine Erfahrung mit dem Gegenüber, welche die Grenze markiert zwischen Ich und Du, sie bewirkt eine Selbst-Positionierung und Selbst-Erfahrung in Verbindung mit der sie ernst nehmenden Antwort. Dass auch destruktives, zerstörendes Verhalten dem Beziehungserhalt dienen soll, ist nicht unmittelbar einleuchtend, aber man kann den Wunsch, sich den freien Zugang zur Welt der Befriedigungen zu erhalten und das unbefriedigende Gegenüber aus dem Weg zu schaffen – diesen im Notfall eben „freizuschießen“ – doch darin enthalten sehen.

Das andere Problem mit Aggressivität – neben dem negativen öffentlichen Image – ist also auch ihr zwiespältig- schillerndes Gesicht aus Lust und Angst, aus Angriff und Verteidigung. Hat ein Kind in seinem aggressiven Verhalten einfach nur Lust am Effekt, am Bewirken, am Auslösen einer Schreck-Reaktion wie Kim Jung-Un, wenn er Testraketen zündet? Oder hat es Gründe, den Selbsterhalt bedroht zu sehen und sich verteidigen zu müssen? Man sieht ja schon, das gehört so gut wie immer zusammen. Auch Kim Jung-Un kämpft um die Anerkennung seines Ichs. (Und ist ein Beispiel für Winnicotts Warnung: „ …denn das sind die Überreste dieser infantilen unaufgelösten Destruktivität, die eines Tages die Welt, in der wir leben und lieben, wirklich zerstören können.“4)

Das kindliche Ich analog zu seiner körperlichen Instabilität fällt schnell um. Selbstbehauptung ist umso wichtiger und wird andauernd am Gegenüber befragt und kann ja im Zustand vollkommener Ausgeliefertheit und in phantastischer Verkennung der Realität vom Anderen quasi nur appellierend gewünscht werden: „Mach mir bitte nicht zu drastisch klar, dass Ich nichts kann, wehrlos bin.“

Um das Ich zu etablieren und zu festigen, braucht es grenzverteidigende Aggression und diese hat und braucht ein Gegenüber, das im Wege steht und überwunden werden muss. Aggression wünscht sich, braucht und hat immer ein Objekt, an das sie sich heranmachen kann, denn das Ich etabliert sich am Widerstand. Aggression braucht und will, fordert individuellen Kontakt und bekämpft den sozialen und zwischenmenschlichen Anpassungsdruck, der die Individualität verneint. Deshalb unter anderem kann man frühe Krippenbetreuung sehr kritisch sehen: der frühe Anpassungsdruck schürt aggressive Gegenwehr – die allerdings dort ebenso früh unterdrückt und sanktioniert wird. Die Unruhe und Unleidlichkeit, die überforderte Krippenkinder dann zu Hause zeigen, sind ein Hinweis auf in Zeit und Ort und Objekt verschobene Aggressivität. Vergessen wir nicht: einem aggressiven Kind tut etwas weh. Es hat seelische Schmerzen. Es hat etwas Schwieriges zu verarbeiten.

Die Mutter eines kleinen Mädchens machte sich Sorgen, dass ihr Kind in der Krippe sich nicht wehrt, es ließ sich immer alles wegnehmen. Sie war aber nicht zufrieden, als ihre Tochter zu Hause begann, sie zu hauen und in eine heftige „Trotzphase“ kam. Zuhause, in ihrem „sicheren Hafen“ kann sie sich leisten, ihre Wut über die neuen Lebenserfahrungen auszudrücken. In der Krippe muss sie sich anpassen.

Das Kind, das in der Krippe einer - institutionen- immanenten - Negierung seiner Ich-Interessen ausgesetzt wird, muss zweifach Glück haben: ein Temperament, das die quasi animalische Überschuss- Reaktion aus Selbstverteidigungsgründen ermöglicht, und ein Gegenüber, das dies „in ganzen Sätzen“ versteht und nicht verunglimpft und beschämt.

Es ist erst die verständnislose Verunglimpfung und moralische Entwertung der aggressiv daherkommenden Selbstverteidigung, die den Hass im Kind entstehen lässt.

Das Kind, das außer sich gerät durch Angst vor der Selbst-Negierung im Schwächezustand und sich aggressiv nach außen in einem „Ganzkörper-Nein“ zusammenhält, zeigt gewissermaßen Leidenschaft für sich selbst. Es kämpft leidenschaftlich um Selbstbehauptung und Selbstwirksamkeit. Die Diffamierung dieser Leidenschaft macht es lächerlich. Aus Beschämungsangst bleibt ihm nichts anderes übrig, als die nach außen gewendete Aggression zu verstärken.

Nun also: Leidenschaft

Leidenschaft ist spontan wohl bei den meisten sexuell assoziiert – aber man kann natürlich alles mögliche „leidenschaftlich“ sein oder tun. Es geht um die körper-seelische Qualität der Beschäftigung: man tut es ganz, man ist ganz dabei, man geht an oder über körperliche Grenzen, zur Leidenschaft wie zur Ich-Etablierung gehört die vorübergehende Befreiung von der Rücksichtspflicht, sie riskiert Rückhaltlosigkeit, man geht auch auf`s Ganze (los), riskiert oder schafft dabei – wie das Wort schon sagt – auch durchaus ein Leiden für sich selbst oder den Anderen. Leidenschaft hat etwas Unbedingtes und Bedingungsloses, die Leidenschaftlichen „vergessen sich“, Leidenschaft drängt jedenfalls danach, die Normen und Vorbehalte der Anpassungsforderung in den Wind zu schlagen. Leidenschaft ist auch entdifferenziert, man tut leidenschaftlich nur dies unter Ausschluss anderer Möglichkeiten.

Natürlich zerstört Leidenschaft das Gewohnte, kann es auch verwüsten. Zur Leidenschaft gehört immer eine irgendwie geartete Grenzüberschreitung – und seien es die der sog. Normalität oder Moral, die der Körper, die eigenen Erschöpfungsgrenzen, finanzielle und zeitliche Grenzen etc. Können wir sagen: Lustvolle Leidenschaft beginnt da, wo man beim Anderen, auch bei sich selbst, hinter der Grenze Kredit aufnimmt? Wo das Ich über sich selbst hinausgeht? Es lehnt sich weit hinüber und über den Anderen hinaus, bereit zu kippen und zu fallen.

Es gehört jedenfalls das Vertrauen dazu, dass die aggressive Leidenschaft vom Gegenüber nicht als destruktives Vorhaben verstanden wird, sondern als Weg vom unsicheren, zweifelnden, mehr oder weniger gehemmten Normal-Ich zu einem vorübergehenden Hochgefühl des ganzen körper-seelischen Ichs, das in der rücksichtslosen Grenzüberschreitung und dem Ausblenden anderer Möglichkeiten noch einmal omnipotent und Nabel der Welt wird – nur insofern auch gegen den Anderen und seine Grenzempfindlichkeiten gerichtet, als ein sich aufrichtendes, ausbreitendes Ich wohlwollend eingeräumten Platz braucht, auch die Bereitschaft des Anderen, die hinreißende Attacke auszuhalten, mit-zu-halten und schließlich gegebenenfalls auch zum Einhalten anzuhalten.

Zur Leidenschaft gehört eine gewisse Unempfindlichkeit des Objekts, das sich vorübergehend bereitwillig „zerstören“ lässt.

Leidenschaftliche Aggression wird hier also als ein innerer Vorgang verstanden, der sich Ausdruck verschafft, um Körper und Psyche als Einheit erfahrbar werden zu lassen. Ein Vorgang der Integration. Die, um nicht in Destruktion und Verwüstung zu enden, darauf vertraut und es benötigt, dass die dingliche und menschliche Umwelt mithält und mit-aushält, mit ihrerseits sicheren Grenzen auch – und ohne Rachsucht - gegenhält.

Der leidenschaftliche Selbstausdruck richtet sich in seinen aggressiven, angreifenden Komponenten gegen etwas Störendes, Schmerzhaftes, gegen Bedrohung, Unwohlsein, Spannungszustände oder auch nur Gleichgültigkeit, all dies soll weg aus dem Organismus oder aus der Umwelt. Insofern ist Leidenschaft, gerade auch die sexuelle, gar nicht vorstellbar ohne Aggression gegen das der Befriedigung im Wege stehende, immer auch sich in eigenen Ich-Grenzen sträubende unwillige Gegenüber, das sich, wie Balint5 es nannte, schließlich der „Eroberungsarbeit“ ergibt.

Das Neue, das durch die Aggression und Angriffslust bewirkt und erschaffen werden soll, strebt das subjektiv Bessere an. Das Kind in seinen ersten Lebensjahren wirft sich noch ganz in den Kampf für das Bessere, mit intensiver Körperbeteiligung, ohne die es wohl keine glückliche Leidenschaft gibt. Wir glauben ja, dass sich in den ersten drei Jahren so viele Wege bahnen oder verschließen für den späteren Umgang mit der Leidenschaft, die das kleine Kind als Körper-Seele-Einheit zunächst, wenn’s hinreichend gut läuft mit den Antworten der Umwelt, noch selbstverständlich hat. Und dass diese Unbedingtheit und Rücksichtslosigkeit in seinem - hilflosen und daher alternativlosen – Voraussetzen der Gutwilligkeit seiner Umwelt, aus dem Vertrauen in die Gutwilligkeit der Umwelt erwachsen kann.

Nun dann: Frühe Kindheit

In dieser Zeit, grob gesagt in den ersten drei Lebensjahren - die nun von der Krippenpolitik erfasst werden mit ihrem ent-individualisierenden Ansatz - , macht sich das Kind mit Hilfe des von Freud so genannten „Bemächtigungstriebs“6 an die Welt heran. Der Bemächtigungstrieb ist zusammengesetzt aus verschiedenen oralen, analen, motorischen Partialphänomenen und wird fortgesetzt stimuliert durch die Freude an der zunehmenden Kontrolle der Körperfunktionen und Körperöffnungen, an der Beherrschung der eigenen Gliedmaßen. In seinem Eroberungs- und Benutzungswunsch unterscheidet das Kleinkind wenig zwischen belebten und unbelebten Objekten. Es ist verliebt in sich und die Welt und hält sich für entsprechend unwiderstehlich, was es zu seinem Glück in seiner rückhaltlosen Begeisterungsfähigkeit und in seinem leidenschaftlichen Sich-Hineinwerfen in die Objekt- und Affekterfahrungen oft genug auch ist. Am Ende dieser Entwicklungsphase, diesem Eroberungsfeldzug, wird es sich nicht mehr beim Vornamen nennen, sondern ein „Ich“ sein, das auch eine Ahnung davon bekommen hat, dass es überhaupt nicht alles haben kann und das, was es hat, auch manchmal loslassen und hergeben muss.

Für diesen Prozess seiner Individuation braucht und benutzt das Kleinkind, geboren mit einem individuellen Maß an Temperament und Vitalität, seine ganze zupackende Kraft. Es sucht einen Angriffspunkt auf die Welt, um sie zu begreifen, anzugreifen, es macht sich mit allen seinen Mitteln an sie heran. Es beißt, es greift zu, klammert an, packt an, nimmt weg, wirft weg, zieht weg, stößt weg, reißt an sich, drückt drauf, haut drauf, quetscht, kratzt und kneift, piekt und bohrt, quietscht und kreischt – und da es die Schwachstelle jeder mitleiderregenden Konstruktion mit seinen rücksichtslosen Fingern erkennt, macht es kaputt und zerstört. Es kann noch nicht viel „machen“ im konstruktiven Sinne, aber das Kaputt-machen und zum Verschwinden- bringen, das Wegschaffen, Aus-dem-Weg-räumen und Einstürzenlassen ist ein effektvoller Ersatz in Selbstwirksamkeitserfahrung. „Hier komme Ich!“ (oder: „Hier kommt mein Ich“) ist das passende Motto der Zweijährigen, wenn sie es denn so sagen könnten.

Angriffslust, Zerstörungslust, Vernichtungslust – sie sind die EINE Seite des kindlichen Selbstbehauptungswunsches: jemand zu SEIN. Möglichst jemand, den man nicht einfach wegschieben kann, der eigene Rechte und Grenzen hat und eigene Wirksamkeiten. Und man müsste sich vor der Rücksichtslosigkeit und A-Moralität seiner leidenschaftlichen Aggressionen fürchten, wenn das Kleinkind motorisch nicht so ungeschickt, nicht so klein, schwach, denkerisch-kurzsichtig, abhängig und liebesbedürftig wäre. Es lebt – leicht umzupusten - gestützt auf seine Hilfs-Ichs und auf seine omnipotenten Phantasien, die mit zunehmendem Bewusstsein seiner Kleinheit noch eine Weile zunehmen. Es braucht Requisiten für die Omnipotenz-Phantasien und der zivilisierende Erziehungsprozess, aggressionsfeindlich wie er heute ist, schießt über das Ziel hinaus und nimmt ihm –wie Metzger zu recht beklagt7 – auch die Spielzeugwaffen weg und vorverurteilt es moralisch, bevor es überhaupt etwas getan hat.

Auf der anderen Seite ist das „Hier kommt Ich“ gepaart mit verschobener destruktiver Omnipotenz-Energie, die durch versagende Umwelt-Reaktionen unbegrenzt und unintegriert bleibt und nur kaputtmachen kann, vermutlich Teil der psychischen Basis der terroristischen Bombenleger und Hochhaus-Zerstörer, „…unaufgelöste infantile Destruktivität…“ eben.

So wie wir die Trennungsschmerzen und Verlustängste des Krippenkindes verleugnen, weil wir selber auch immer dieses Kind sind, aber nicht sein wollen, so wollen wir auch nicht, dass die Kinder uns unsere Vorräte an Aggressionen und Angriffslust zeigen und unsere eigene individuelle ängstliche Abhängigkeit, die uns zur Aggressionshemmung gezwungen hat und weiterhin zwingt. 8 Aber die eigene Aggressionshemmung führt natürlich auch dazu, dass unsere Kinder vermehrt unser auf aggressive Töne gestimmtes Sprachrohr sein müssen, das uns von verleugneten, delegierten und projizierten Aggressionen entlastet, während wir Erwachsenen auch zum aggressiven Kind weiterhin höflich „bitte“ und „danke“ sagen.

Natürlich bedroht Aggression immer den gegenwärtigen Status der Bindung und Beziehung, die Destabilisierung durch Aggression ist ein Risiko - und dann steht man womöglich plötzlich ausgegrenzt und alleine da – also verzichten wir lieber, aber der Leidenschaft fehlt es dann später, dieses Moment des Risikos und der Rückhaltlosigkeit. Unterdrückte aggressive Leidenschaft hat die Tendenz, sich dann zur Unzeit überwältigend und erschreckend Bahn zu brechen, auch gegen das eigene Selbst etwa in Form der Depression.

Gehen wir noch einmal in die Vorstellungswelt der frühen Kindheit. Vielleicht entspricht ihr der bewegte Comic ganz gut, in dem die sich bekämpfenden Figuren zunächst leidenschaftlich, rücksichtslos, aufs Übelste und vernichtend misshandelt werden, um dann gut gelaunt wieder auf zu erstehen. Der Comic, gerade die aggressiven Kämpfe à la Tom&Jerry, entspricht der kindlichen Effektfreude, die die Haltbarkeit und Duldsamkeit der Objekte überschätzt im Vertrauen darauf, dass leidenschaftliche Aggression ohne Konsequenz, ohne Urteil und Strafe bleiben mögen für den, der ein allmächtiger Herrscher in seiner Welt sein will (- und zugleich natürlich eine verleugnete, ängstliche Ahnung seiner Hilflosigkeit und Lächerlichkeit hat.)

Wer psychisch in dieser „comicartigen“ Konfliktphase hängenbleibt, kann zwischen „Kasper“ und „Teufel“ wählen. Die Kasperfigur, diese nie erwachsene Rolle, mag oberflächlich die Regeln der Moral lernen, bleibt aber unernst und vom Verzicht verschont, weil sie, ausgestattet nur mit seiner undifferenzierten Hau-Drauf-Pritsche, die Prinzessin zwar verteidigt und auch rettet, aber letztlich doch nicht kriegt und ohne ernsten Wettbewerb, niemals Bräutigam, im Jungenhaften und Schwärmerischen bleiben muss. Wer wiederum früh, durch ein Missverständnis und Missmanagement der Aggressions-Verwaltung, zum Teufel erklärt und dann zu diesem Teufel-Sein verdammt bleibt, verschreckt sich und andere durch die desintegrierte Aggressionslust, die Autonomie nur in Form von Zerstörung und – trotziger- Verweigerung kennt.

Erikson nennt den zentralen Konflikt dieser Lebensphase um das zweite, dritte Lebensjahr herum, in der aggressive Akte lebensgeschichtlich am häufigsten vorkommen, den zwischen Autonomie einerseits und Scham und Zweifel andererseits. 9 Das Autonomiebestreben steht gegen die Unterwerfungs-Forderung, die dem Kleinkind wie die Forderung nach einer psychischen Selbst-Aufgabe vorkommen muss. Gegen den psychischen Unterwerfungstod setzt es seine Selbstverteidigung, aber wenn die nun zur Devianz erklärt wird, muss es mit Schuld, Schuldgefühl, Beschuldigung und Bestrafung rechnen. Gegen Unterwerfungsdruck wird es – je nach Temperament – seine Leidenschaft ins Spiel bringen und gegebenenfalls über das Ziel hinausschießen. Eine Gegnerschaft mit den Menschen seiner Abhängigkeit kann es sich ja nicht, schon gar nicht auf Dauer, leisten. Die zum Trotz verhärtete Aggressionslust wird in den Untergrund gehen. Später treffen wir auf einen Menschen, der zwar nicht Nein sagen kann und (der Abgrenzung) zuvorkommend wirkt, aber das Verneinen unbewusst zu seinem chronischen Beziehungsmodus gemacht hat.10

Die Selbst-Bewaffnung des Kindes mit dem „Nein“ geschieht auch um diese Zeit des zweiten Geburtstages und kann bekanntlich eine geraume Zeit eine große Leidenschaft entfalten. Anders als das körpersprachliche „Nein“ ist das verbale Nein unmissverständlich und ist auch für jeden Erwachsenen, der in der Vorsprachlichkeit vielleicht noch Einfühlungs- und Verstehensschwierigkeiten hatte, hörbar. Das „Nein“ ist für das Kind insofern auch ein Wert an sich, seine erste Aktie an der Erwachsenen-Börse. Es probt seine Wirksamkeit und seinen Wert, sobald es entdeckt ist, zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Das exzessive und „dialogtechnisch“ sinnfreie Nutzen des „Nein“ erinnert an ein – jedenfalls früher – beliebtes Kinderspiel, den Stopptanz. Alle machen irgendwas und hampeln herum und einer darf STOP rufen. Alle bleiben in ihren Verrenkungen stehen – und der STOPSAGER genießt den kleinen Moment seiner irren Wirksamkeit, die Welt nach seinem Willen anzuhalten. Dies ist der Sinn des Nein für ein Kleinkind: die Welt nach seinem Willen anhalten, bestimmen, dass etwas NICHT geschieht, NICHT weitergeht. Dies ist unter anderem für ein Kind deshalb ein so guter Moment, weil es schon längst weiß, wie wenig es selbst ausrichten und bestimmen kann.

Als Erwachsener weiß man intuitiv, dass man einerseits das kindliche Nein ernstnehmen muss, andererseits das noch wahrhaft minderbemittelte Kind nicht als ernstzunehmenden Gegner missverstehen darf. Das Lachhafte des machtlosen Nein des Kindes darf einerseits nicht zu seiner Lächerlichmachung führen, andererseits weder als Vorbote einer Terror-Neigung noch als Weisung „of her majesty, the Baby“ (Winnicott) dramatisiert werden. Das Hören und Reagieren auf sein grundsätzlich noch durch nichts an Macht außer seiner elementaren Hilflosigkeit untermauertes „Stopp“ und „Nein“ und „Aufhören“ und „Anhalten“ ist im übrigen auch die Grundlage der späteren Selbstbeherrschung. „Ich behaupte“, schreibt der Bioenergetiker Alexander Lowen11, „dass die Fähigkeit, zu sich selbst Nein zu sagen und anderen etwas abzuschlagen (meine Hervorhebung AKS), nur zwei Seiten ein und derselben Medaille sind. Wenn einem das Recht und die Fähigkeit zur Opposition bestritten werden, dann leidet darunter zwangsläufig die Selbstbeherrschung, und man gehört sich nicht mehr selbst.“

Mit dem Nein ist es natürlich so wie mit der Aggression: zu wenig davon, die Hemmung und das Verbot, Nein zu sagen zu etwas, zum Anderen konserviert untergründig den Wunsch, verschiebt und vergrößert ihn – so dass es kein Widerspruch ist, wenn jemand, der sich nicht traut, „nein“ zu sagen, auf der anderen Seite einen permanenten Vorbehalt gegen Erwartungen oder Wünsche Anderer hat. Die Aggressionshemmung führt zu einem chronischen verschobenem Trotz. Und die unvermutete verspätete verschobene Wiederkehr des leidenschaftlichen Neins – dessen Vehemenz ja auch nicht mehr unmittelbar zu verstehen ist - kann spätere Beziehungen natürlich gefährden und unter anderem zu einer Abschlagung des Kinderwunsches führen.

Ich denke hier an Menschen, die sich in ihren sozialen und Liebesbeziehungen zwar angepasst, friedliebend und streitvermeidend verhalten, aber untergründig in einer passiv-aggressiven Verweigerungsverhalten verharren. Der symptomatische vorzeitige Samenerguss eines Patienten mit Angst vor strittiger Auseinandersetzung besserte sich z.B. als er sich gestattete, seine Frau, der er ja mit seinem Symptom die Befriedigung subtil vorenthielt, während des Beischlafs innerlich wütend abzuqualifizieren und zu beschimpfen, es gab dafür genug Reste eines wie immer unaufgelösten Alltags-Streites – er sich also, heimlich noch, gegen sie behauptete. Er fürchtete, dass sie vom aggressiven Anteil seines sexuellen Antriebs wie die allwissende und verurteilende Mutter seiner Vor-Zeit etwas mitbekommen könnte.

Über das Wollen kommt die Aggression in die Leidenschaft, in die Liebe, in die Sexualität. Und das Wollen ist wesentlich mit dem „Nein“ und dem Nicht-Wollen verbunden, das die idealisierte und inzestuöse Zweisamkeit mit den frühen Objekten aufbricht.

Das Schicksal des individuellen Aggressionsumgangs wird sicher entscheidend mitbestimmt durch diese Lebensphase der höchsten Aggressionslust, also im zweiten/drittenLebensjahr. Das Kind kann nun festhalten und loslassen, beide Modalitäten können, zum Guten und zum Bösen gewendet, in der Beziehungswelt des Kindes ihre Effekte entfalten. Erikson schreibt: „Die äußere Lenkung und Erziehung in diesem Stadium muss daher fest und sicherheitgebend sein. Das Kleinkind muss das Gefühl haben, dass sein Urvertrauen zu sich selber und zur Welt, jener aus den Konflikten des oralen Stadiums gerettete, bleibende Schatz nicht in Frage gestellt wird durch diese seine Kehrseite, seine plötzlichen heftigen Wünsche seinen Willen durchzusetzen, sich fordernd anzueignen und eigensinnig von sich zu tun. Es muss mit Festigkeit vor der potentiellen Anarchie seines noch ungeübten Unterscheidungsvermögens und seiner Unfähigkeit gehütet werden, etwas mit dem richtigen Kraftaufwand festzuhalten und loszulassen. Und wenn man es ermutigt, ‚auf eigenen Füßen zu stehen’, muss man es zugleich gegen sinnlose, zufällige Erlebnisse von Scham und frühem Zweifel schützen.“12

Das personale Objekt muss sich gerade jetzt zur Verfügung halten, wo die vom Bemächtigungstrieb ausgehende Welteroberung gelenkt und kanalisiert werden muss, wo Frustration wie auch das Bewusstsein von Abhängigkeit und Schwäche im Zusammenspiel mit Verurteilung unerträgliche Ängste auslösen kann, die das kindliche Ich buchstäblich am Boden zerstören können. Das aggressive Kleinkind, das behauptet, es habe ein Selbst und es in seiner Größe übertreiben muss, braucht Erwachsene, die ihrerseits selbstverständlich nein sagen können ohne zu strafen, und nicht Erwachsene, die sich heute oftmals, wie der dänische Pädagoge Jesper Juul moniert, „wie Flugbegleiter“ benehmen.13

Wir machen uns nicht ausreichend klar, dass das Verbot , die Unterdrückung, die Sanktionierung , das Ins-Leere-laufen- Lassen, das Nicht-Ernstnehmen der kindlichen leidenschaftlichen Aggressionen zu einer Verleugnung des kindlichen Ichs und einer (unbewussten) Tabuisierung seiner eigenen Willensäußerung und Selbstbehauptung führt. Definitionsgemäß muss diese Selbstbehauptung im Konflikt mit den Interessen der Erwachsenen liegen. Letztlich also führt die Aggressions-Tabuisierung zur Konfliktunfähigkeit.

Hier nun: Tabuisierung

Sie hat verschiedene Facetten. Man kann verleugnen, dass es etwas überhaupt gibt – dann muss man sich gar nicht erst befassen und kann das Phänomen negieren, einfach verneinen.

Tabuisierung kann auch heißen, die Bedeutung eines Phänomens zu verleugnen. Hiermit haben wir es zu tun: die Bedeutung der Aggressionslust in der frühen Kindheit wird bagatellisiert, unterschätzt, und die Verweigerung, dieser für die Ich-Etablierung essentiellen Aggressivität Bedeutung zuzusprechen, ermöglicht es Einzelnen und der Gesellschaft insgesamt, das Wollen der Kinder generell aus der Wahrnehmung auszulöschen. Bei allen Lippenbekenntnissen zum Kindeswohl ist die Anerkennung des ethischen Rechts des Kindes auf eigenes Wollen nach wie vor marginal.

Neben Bedeutungsverleugnung und Verweigerung des Rechts auf Willensäußerung wirkt die Tabuisierung auch als Rechtfertigung dafür, zu übersehen, dass Kleinkinder ihren Willen ausdrücken, letztlich gibt sie also die Erlaubnis, nicht zu verstehen, nicht hinzuschauen und nicht hinzuhören. Und: Nur mit dieser Tabuisierung geht es ja überhaupt, dass wir Kleinkinder in ihrer sensibelsten Wachstumszeit, in der die Aggressionslust auf ihren noch unzivilisierten Höhepunkt zusteuert, in eine große Gruppen Gleichgesinnter mit wenigen, überlasteten Erwachsenen stecken können und dies „Frühförderung“ nennen wollen.

Die Tabuisierung lässt uns den Umgang und die angemessenen förderlichen Reaktionen auf Aggressivität verlernen, darüber hinaus wird die Integration der leidenschaftlichen Aggression in die Persönlichkeitsentwicklung erschwert, sowohl bei denen, die aggressiv sich selbst behaupten, wie bei denen, die ungeschützt und unbegleitet dieser aggressiven Selbstbehauptung ausgeliefert bleiben.

Im aktuellen und in jeder Hinsicht schmalbrüstigen „Ratgeber Aggressives Verhalten“ wird der soziale Ausschluss als eine angemessene und erfolgsversprechende Reaktion auf aggressives Verhalten empfohlen– als dessen Facette auch das mit einem schönen Druckfehler versehene „hyperkaktive Verhalten“ (S.12) aufgelistet ist. Empfohlen wird also, angesichts aggressiver Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen, die aktive Tabuisierung mit dem Ziel, den aggressiven Ausdruck zum Verschwinden zu bringen: „Vermeiden von Blickkontakt, körperliche Distanz, Sich-Abwenden, Aus-dem-Zimmer-Gehen, Keine-Antwort-Geben, Keine-Miene-Verziehen. Kein-Wort-Sagen u.a.“, denn, so heißt es weiter: „Ohne Zuwendung rückt ein Verhalten in den Hintergrund und verschwindet.“14 Damit ist die Oberflächen-Tabuisierung, auf die kindlich-aggressives Verhalten trifft, schon ganz gut beschrieben und zeigt eine bestürzende Ähnlichkeit mit den Empfehlungen von Johanna Haarer in ihrem nationalsozialistischen Standardwerk „Die Mutter und ihr erstes Kind“ von 1938: „Auch das schreiende und widerstrebende Kind muss tun, was die Mutter für nötig hält und wird, falls es sich weiterhin ungezogen aufführt, gewissermaßen ‚kaltgestellt’, in einen Raum ‚verbracht’, wo es allein sein kann und so lange nicht beachtet, bis es sein Verhalten ändert. Man glaubt gar nicht, wie früh und rasch ein Kind solches Vorgehen begreift“15.

Aggressives Verhalten muss weg – dies ist, untermauert von der unsere Kultur prägenden christlichen Idee, dass der Mensch von Natur aus böse ist, der Leitgedanke unseres Umgangs damit. Wenn man aber umdenkt, und Aggression nicht für „das Böse“ hält, sondern für eine berechtigte Äußerung der Selbstbehauptung, deren Botschaft verstanden werden muss, dann ist die nötige und angemessene Eingrenzung des aggressiven Verhaltens nicht mehr so schwierig. Die Ausgrenzung des „bösen Menschen“ ist dagegen kränkend und führt in einen psychisch gefährlichen Kreislauf.

Die pädagogisch empfohlene soziale Ausgrenzung desjenigen, der aggressives Verhalten zeigt, wird zum Bumerang: Soziale Ausgrenzung, - hier zitiere ich Joachim Bauers Zusammenfassung entsprechender Forschungen16 - wird im menschlichen Gehirn so erlebt wie körperlicher Schmerz und auch so verarbeitet: beides löst Aggressionen aus und führt in früher Überdosierung zur Schwächung der Resilienz, also der Resistenz gegen späteren seelischen Stress, letztlich zur psychischen Krankheitsneigung.

Wo, außer im chronifizierten unterschwelligen Trotz, bleiben die unterdrückten Aggressionen, wenn deren Genese nicht zugleich in die Sprache, in die Kommunikation kommen kann. In jeder TV-Seifenoper erfährt man beim Einschalten „Was zuvor geschah“, im richtigen Leben empfehlen wir uns, es lieber nicht wissen zu wollen, warum und an welcher existenziellen Frage sich die leidenschaftliche Aggression eines Kleinkindes entzündet hat. Wenn auf leidenschaftliche Aggressionen in der Kindheit regelmäßig der soziale Ausschluss als Strafe folgt, entsteht chronischer Schmerz, der wiederum mit chronischer reaktiver Aggressivität beantwortet wird. Die Genese dieses zur Eskalation tendierenden Kreislaufes wird man später nur noch schwer aufspüren können. Dann ist die charakterliche Festschreibung auch bereits geschehen und die unterdrückten Aggressionen, die sich dialog-fern Bahn brechen, werden zu einer Pathologisierung.

Nun droht bei der verbalen Kommunikation von Aggression, die in der Kindheit noch nicht gut geht, natürlich auch eine Gefahr – die des vernünftigen Befragens. Zur Leidenschaft gehört es, dass sie keine im Sinne der Kommunikationsregeln vernünftigen Motive hat und keine vernünftigen Fragen beantworten kann. Sie ist existentiell irrational und unbegründbar, und sie ist auch immer mit dem Risiko der Lächerlichkeit versehen – und insofern, wie gesagt, nah an der Beschämungsangst. Die Vernunft, die vernünftige beschwichtigende Beruhigung kann dann erst recht die Beschämung transportieren, die das Kind nur mit einer Eskalation der aggressiven Selbstbehauptung beantworten und vermeiden kann. Die Lächerlichkeit der kindlichen Leidenschaft kennen wir und der zarte, anerkennende Humor wäre eine angemessene Antwort auf kindliche lächerliche comicartige Aggressivität, denn wer den Kasper zu ernst nimmt, kommt auch in Teufels Küche. Leidenschaftliche Aggression braucht vom Gegenüber eine Mit-Haltung, die weder den Respekt vor dem Risiko noch das Wissen um die Genese in Raum und Zeit noch die Bereitschaft zur gutwilligen De-Eskalation und Ent-Dramatisierung vermissen lässt. Aufmerksamkeit, gute Beobachtung der ganzen Geschichte und Anerkennung des kindlichen Strebens nach dem Ich und dem Besseren.

Zum Schluss : „Aggression und Generativität“:

Die Erfahrung des oben erwähnten Patienten zeigt es exemplarisch, wie das Rückholen der Aggression in den Liebesakt, diesen auch körper-seelisch, also „ganz“ erhält. Es braucht den Moment der aggressiven Selbstbehauptung im Wollen, der zugleich das Objekt vorübergehend zerstört, verneint, entidealisiert. Der re-kreative Zeugungsakt, den wir als Ausdruck zwischenmenschlicher Verbindung erleben, ist zugleich ein Trennungsakt auf dem Höhepunkt des Selbst-Gefühls. In der Wieder-Verbindung ist die Getrenntheitsbestätigung ja enthalten, normalerweise brauchen wir uns das nicht so bewusst zu machen und erleben dann nur das Verbindliche, Lustvolle. Wir würden es ja nicht Aggressions-Lust nennen, aber die Selbstbestätigung im über das Ich hinausgehenden Orgasmus geht nicht ohne die Fähigkeit zum abgrenzenden Nein.

Freud war der Meinung, dass etwas „Erniedrigung“ des Liebesobjekts für den Mann notwendig sei, will er „im Liebesleben wirklich frei und damit auch glücklich werden“ 17 Er meinte damit, dass ein gewisser Betrag an Ent-Idealisierung des Objekts für den Mann notwendig ist, um den Beischlaf hinzukriegen, er muss sein Liebesobjekt vom idealisierten inzestuösen Kindheitsobjekt – der Mutter - abtrennen, um seiner selbst sicher genug zu sein. Die Trennungsaggression gehört auch insofern zu jedem Zeugungsakt. Sie bedeutet die innere Erlaubnis, das Liebesobjekt zu entwerten und quasi kindlich zu beschimpfen, es von der Mutter, die in der Tat ihm durch frühes Alleinelassen in Zeiten seiner größten Abhängigkeit und Aggressionslust kein „Nein“ ermöglichte, zu unterscheiden. Dies ist auch heute noch und gerade wieder eine ausgesprochen konstruktive Freud`sche Provokation - wir Frauen, gestärkt vom Feminismus, sind ja bei aller Beschwerde-Berechtigung zugleich auch sehr empfindlich geworden. Und ich kann mich auch erinnern, dass es schwierig war zu verstehen – aber dann auch doch nicht so schwierig - dass der Junge, der mich damals auf dem Schulhof der ersten Klasse hinschubste, damit womöglich sein irgendwie weitergehendes Interesse ausdrücken wollte. Er sprang, ich fiel um.

Im Kapitel „Falling and Leaping“ bei Mc Carthy heißt es: „Ein richtiger Sprung endet in einem Fallen“ und „The two seemingly opposite directional movements are potentially the same.” (Die zwei scheinbar entgegen gesetzten Bewegungen bedeuten potentiell dasselbe) 18, so wie beim STOPP-Tanz das Sich-Ergeben unter die Macht des Stopp eine gleichermaßen lustvolle Rolle spielt – man macht sich lächerlich in der Verrenkung und man kann nichts dafür und ist befreit vom sozial Gebotenen. Die aggressiven Leidenschafts-Fähigkeiten, die im Springen und Fallen enthalten sind – das Risiko, am Boden zerstört zu werden, der Verlust jeder Kontrolle über den Körper, die Abhängigkeit von der Qualität des Landungs-Ortes, der Angriff auf das begehrte ersehnte unbekannte Objekt, die Unkenntnis der Reaktion mit der Gefahr des Missverständnisses und der Unernsthaftigkeit im Lächerlichen -, dieser riskante Sprung, Akt der Aggression und des Selbstausdrucks, weg vom Alten und Überholten hin zum Neuen und Weiteren ist das Wesen des Negativen und Verneinenden, des Wegschaffens und aus dem Weg Räumens, ist die Erzeugung des Neuen und Bejahenden. Die Omnipotenz ist dann natürlich im wesentlichen erledigt.

Wer (ab)springen, wer (um)fallen kann, kann wollen und sich hingeben, braucht nicht Kasper nicht Teufel zu bleiben. Beide im übrigen sind bekannt dafür, dass sie keine Eltern und keine Kinder haben, - Kasper und Teufel haben immer nur eine Großmutter und das reicht nicht, um eine Vorstellung von der generativen Idee des Lebens zu haben.

1 F.S.Perls, R.F.Hefferline, P.Goodman: (1951) Gestalttherapie. Grundlagen der Lebensfreude und Persönlichkeitsentfaltung, Stuttgart 2006, 180

2 Aggressionsverleugnung: vgl. J.P.Reemtsma, Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne, 2008

3 Vgl. D.Greenshaw, J.Mordock: Understanding and Treating the Aggression of Children. Fawns in Gorilla Suits. Jason Aronson, N.Y. 2005

4 D.W.Winnicott (1984): Aggression. Versagen der Umwelt und antisoziale Tendenz. Stuttgart 1988, S.130

5 M.Balint (1947): Über genitale Liebe. In: Die urformen der Liebe und die Technik der PSA, 1988, 121-133

6 S.Freud, (1905) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Studienausgabe Band V, S.95

7 H-G Metzger , Der Rückzug der Männer und die Aggressivität. Forum der PSA, Bd 28/4 2012, 411-424

8 Aggressionsverleugnung, die zur Unfähigkeit führt, Aggressivität zu erkennen: vgl. J.P.Reemtsma, Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne, 2008

9 E.H. Erikson (1950): Kindheit und Gesellschaft. Stuttgart 1995, 245 ff

10 S.Freud (1925): Die Verneinung, GW XIV, 11-15

11 Alexander Lowen (1970), Lust. Der Weg zum kreativen Leben, München 1979, S.171

12 E.H.Erikson,(1950), Kindheit und Gesellschaft, Stuttgart 1982, 246

13 J.Juul: „Viele Eltern benehmen sich wie Flugbegleiter“, in: www.faz.net/-gux-yg3u

14 F.Petermann et al: Ratgeber Aggressives Verhalten. Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher. Hogrefe, 2008, S.27 (Dank an Andreas Prokop für den Hinweis)

15 Zit.n.Chamberlain, Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, 1997. (Dank an Herta E. Harsch für den Hinweis). Bei Haarer, 1938, S.260

16 J.Bauer: Neurobiologische und soziale Kontexte menschlicher Aggression und Gewalt. In Psychotherapie 17/2012/2, S.252-256

17 S.Freud (1912. Beiträge zur Psychologie des Liebenslebens, Kap II: Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens. GW VIII, 86

18 D.McCarthy: “If you turned into a Monster” Transformation through Play: a Body-Centered Approach to Play Therapy, London 2007, S.71

botMessage_toctoc_comments_9210