Dieter Becker: Biographie als Freud-Bashing - Eva Weissweilers "Die Freuds. Biographie einer Familie"

"Die Biographen aber sollen sich plagen...", schreibt Sigmund Freud am 28.4.1895 an seine Verlobte Martha Bernays, nachdem er zuvor alle persönlichen Aufzeichnungen vernichtet hatte. Er kommentiert diesen Akt mit Schadenfreude. Und am 31.5.1936 vertraut er Arnold Zweig seine Meinung über die Biographen an: "Wer Biograph wird, verpflichtet sich zur Lüge, zur Verheimlichung, Heuchelei, Schönfärberei und selbst zur Verhehlung seines Unverständnisses, denn die biographische Wahrheit ist nicht zu haben, und wenn man sie hätte, wäre sie nicht zu brauchen." Freud konnte, wie man sieht, recht unfreundlich sein. Klingt im ersten Zitat eine unübersehbare Schadenfreude an, so zeigt sich in der Mitteilung an Zweig Mißtrauen und Verachtung. Aber gerade das macht ihn sympathisch, denn er zeigt sich als ein ganz normaler Mensch, der seine ambivalenten Gefühle nicht verhehlt.

Dennoch unterscheidet sich Freud von der Mehrzahl der Menschen, denn er hat ein geniales Werk hinterlassen. Seine eigene Person und die Familie allerdings hat er zeit seines Lebens bedeckt gehalten. So haben es die Biographen in der Tat schwer. Als Quellen dienen ihnen das umfangreiche Briefwerk, das glücklicherweise immer vollständiger publiziert wird, seine kurze Autobiographie, Hinweise auf die eigene Person in seinem wissenschaftlichen Werk, besonders in der "Traumlehre", und nicht zuletzt Berichte seiner engsten Mitarbeiter und einiger Patienten. Die umfassendste Biographie stammt von Ernest Jones, und sie ist gerade in der Art abgefaßt, die Freud befürchtet hatte. Freilich stand Jones unter der strengen Aufsicht Anna Freuds, die keinen Makel an der Person ihres Vaters zuließ. Von ihr, die ihren Vater wie kein anderer kannte, gibt es keinen Beitrag. Jones Werk wird zunehmend kritisch beurteilt, da so makellos kein Mensch sein kann. Sie hat denn auch zu trotzigen "Gegendarastellungen" geführt. Han Israels war daran gelegen, Freud als wissenschaftlichen Betrüger zu überführen und auf diese Charaktereigenschaft zu reduzieren. Genau zum Freud-Jahr hat Eva Weissweiler eine Biographie der Familie Freud vorgelegt, die ihr als willkommenes Szenario dient, um Sigmund Freud als Person zu demontieren. Wie macht sie das?

Zunächst will ich bei den guten Botschaften bleiben. Die Autorin hat nicht nur die bekannten Quellen studiert und referiert, sondern auch im Sigmund Freud-Museum in London, der Library of Congress in Washington und der Bibliotheca Germanica Judaica in Köln Einblick in unveröffentlichte Dokumente genommen. Von Stephen (Gabriel) Freud und seiner Frau Ann erhielt sie authentische Auskünfte zur Familiengeschichte. Das Verzeichnis der Quellenreferenzen beläuft sich auf 1110 Hinweise! Soviel zum Fleiß.

Wir erfahren die Schicksale der engeren Familie Freuds, aber auch seiner Geschwister und deren Angehöriger. Freude und viel Leid gab es da, auch schon vor der Verfolgung durch die Nazis. Eine Nichte war eine erfolgreiche Künstlerin und Kinderbuchautorin, doch sie endete mit Suizid. Desgleichen eine andere Nichte, die ein enges Verhältnis zu Tochter Anna hatte. Ein Neffe starb durch einen Unfall. Sophie, Freuds Tochter, erlag der spanischen Grippe und eines ihrer Kinder fiel der Tuberkulose zum Opfer. Vier seiner fünf Schwestern starben in Konzentrationslagern der Nazis, eine Enkelin kam in Südfrankreich durch eine Sepsis ums Leben. In der Nazizeit konnte nur überleben, wer ins sichere Ausland zu entkommen und dort wirtschaftlich Fuß zu fassen vermochte. Die in England lebenden Nachkommen haben große Namen als Publizisten, und Enkel Lucian Freud gehört zu den bedeutendsten Malern des 20. Jahrhunderts.

Aber wie ist das Ganze aufbereitet? Nach dem Muster von gut und böse. Auf der Seite der Bösen finden wir in erster Linie Sigmund Freud. Er ist ein rücksichtsloser und zu Brutalität neigender Tyrann. Schon als Jüngling. Er schlug seiner Schwester Anna zweimal ins Gesicht, da sie sich in einen Mann verliebt hatte, den er ablehnte. (S. 24) Auch ihren zweiten Bewerber hätte er am liebsten verjagt, denn es handelt sich um niemand anderen als Marthas (und Minnas) Bruder, von dem er fürchten mußte, daß er die Schwestern um ihr Erbe betrügt, auf das Freud doch so erpicht war.

Endlich verheiratet, entpuppte er sich als Familiendespot. Alles Religiöse ablehnend, untersagte er der orthodoxen Martha die jüdisch-rituellen Gebräuche und mißachtete die Feiertage. Zwanghaft achtete er darauf, daß Punkt 12 Uhr das Drei-Gänge-Menü auf dem Tisch stand. Kein Wort darüber, daß feste Tischzeiten damals üblich waren und für Freud wichtig, wollte er sein riesiges Tagespensum erledigen. Suppe, Fleisch, Mehlspeise mußten jeden Tag aufgetischt werden. War das nur seiner Ansprüche wegen? Eva Weissweiler übergeht dabei, daß diese Speisefolge in allen bürgerlichen Familien üblich war. Sie verwendet keinen Gedanken daran, daß auch andere Familienangehörige eventuell Wert drauf legten. Warum auch, wenn es darum geht, Freud Charaktermängel nachzuweisen? Noch wichtiger als die Mahlzeit ist ihm ein neuer "Antik-Nippeskram", den er "selig lächelnd vor sein Gedeck stellt", um ihm danach einen unverrückbaren Platz in der Antikensammlung zuzuordnen. Freud, der Zwangsneurotiker! (S. 148).

Seine Komplizin ist Minna die sich am Telefon mit "Frau Prof. Freud" meldet. Eigentlich bilden sie ein etwas komisches Paar, denn Freud ist klein und schmächtig, Minna aber eine Brünhilde. Sie ist ein böser Geist. Nicht nur, daß sie die eigene Schwester verdrängt und sich das beste Stück vom Kuchen in Form gemeinsamer Reisen mit Sigmund abschneidet, während Martha entweder zu Hause sitzt oder mit den Kindern an einem bescheideneren Urlaubsort weilt und auch noch die begeisterten Briefe von Ehemann und Schwester über sich ergehen lassen muß. Minna belastet das häusliche Budget mit Kuren, die durch kostspielige Krankheiten verursacht werden. Und worum geht es da? Nun folgt einer der Höhepunkte bösartiger Unterstellung. Nach einer dieser gemeinsamen und niederträchtigen Reisen setzt Freud Minna in Meran ab, damit sie sich dort auskuriert. "Kritische Forscher" glauben, sie sei schwanger gewesen und habe abgetrieben. Eva Weissweiler referiert das, obwohl sie es für unwahrscheinlich erachtet. Oder war es vielleicht eine Lungenaffektion - trotz des Aufenthaltes in guter Gebirgsluft? Nein, das kann oder darf auch nicht sein, denn es ist viel delikater. Minna hatte "schwerste Darmsymptome" (Diarrhöe, Ulcus, blutigen Stuhl, Schmerzen im Unterleib). Und wie kommt man an so etwas? Durch "fortgesetzten Analverkehr"! (S. 107 f.) Es läßt sich zwar nichts von alledem beweisen, aber semper aliquid haeret.

Und wie gemein sie sein kann, erfahren wir, als in der Berggasse erwogen wird, die Kinder der verstorbenen Tochter Sophie in den Haushalt aufzunehmen. Die kinderfeindliche Schwägerin stimmt dagegen. Auch hier erfahren wir die am wahrscheinlichsten klingende Vermutung: "Vielleicht fürchtet sie um ihre Kakteensammlung". (S. 274). Bösartiger läßt sich kaum noch argumentieren. Im Briefwechsel zwischen Sigmund und Anna Freud liest sich das anders. Für Freud galt das Argument, daß ein Enkelkind vor allem Marthas Kräfte überfordern würde; auch war an das Kind gedacht, das nicht aus seiner vertrauten Umgebung herausgelöst werden sollte. Aber wenn es gegen Minna geht, verläßt Eva Weissweiler den Boden der gebotenen Sachlichkeit und der schriftstellerischen Verantwortung. Oder was soll damit gesagt werden, wenn es an anderer Stelle heißt: "Tante Minna streicht sich über ihr borstiges Kinn..."? (S. 325) Soll das vielleicht witzig sein? In jedem Fall ist es bissig, verletzend und entwürdigend.

Aber damit nicht genug. Freud ist ein Frauenfeind. Ihm wird "sogar eine gewisse Sympathie für den Kollegen Möbius in Leipzig" unterstellt, der den Frauen einen "physiologischen Schwachsinn" attestiert. (S.98) Daß Freud sich nicht immer frauenfreundlich geäußert hat, ist bekannt. Aber andererseits hat er Frauen tatkräftig gefördert. Er setzte sich zum Beispiel gegen den Widerstand der männlichen Mitglieder der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung durch, damit 1910 Margarete Hilferding als erste Frau Mitglied werden konnte. Ihr folgten zahlreiche weitere Frauen. Gerade in der Psychoanalyse erfuhren Frauen eine sonst ungewohnte Anerkennung und Gleichberechtigung, die auch heute noch in der Berufswelt ihresgleichen sucht. So gehörte zu diesem Kreis auch Lou Andreas Salomé, welche die Männer ihrer Zeit das Fürchten zu lehren vermochte. Den Gipfel bildet die Parallelsetzung von Freuds Frauenbild mit dem des "Reichspropagandaministers persönlich". (S.357) Gewiß, es sind unfreundliche Worte, die Freud in der Neuen Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse von sich gibt, aber sowohl im Inhalt als auch im Wortlaut unterscheiden sie sich doch eindeutig von der Nazi-Ideologie. Ich kann das nur dahingehend verstehen, daß Freud als Macho übelster Sorte bloßgestellt werden soll.

Dann gibt es noch den emotional unkontrollierten Freud. Von den Tätlichkeiten gegenüber seiner Schwester war bereits die Rede. Aber auch seiner Tochter Anna gegenüber wird er grob. In "wutschnaubend-patriarchalischen Briefen" (212) warnt er sie vor Ernest Jones, der um sie warb. Freud wußte, warum er das tat. Jones war ein Frauenheld, er konnte nicht treu sein und machte Frauen unglücklich. Sollte Freud das "denk- und entscheidungsunfähige Kleinkind" ins Unglück rennen lassen? Das hätte man ihm dann auch wieder zum Vorwurf machen können. Liest man besagten "wutschnaubend-patriarchalischen" Brief, auf den sich Eva Weissweiler bezieht, so ist zwar Sorge zu erkennen, aber keineswegs der Zorn des Vaters.

Anna ist ja als Tochter noch verhältnismäßig gut weggekommen, nachdem Freud merkte, wie er sie für seine Sache einspannen konnte. Sowohl für die Psychoanalyse, von der er sie lange fern gehalten hatte, als auch später in der aufopfernden Pflege bei seiner Krebserkrankung. Aber den Söhnen gegenüber sei er ein Rabenvater gewesen. Angeblich habe es keine gute emotionale Beziehung zu ihnen gegeben. Kein Wunder, daß der "schmucke Martin" (S. 226) ein Taugenichts wurde, eine Schmarotzer und Frauenheld, der vom Geld seiner Frau lebte und sie betrog. Oliver mußte ständig kämpfen, beruflich Boden unter die Füße zu bekommen. Nur Ernst hatte als Architekt Erfolge zu verbuchen. Daß Ärzte zuerst ihren Beruf leben und dann erst die Familie kommt, können die meisten Arzt-Kinder bezeugen. Da machte Freud offensichtlich keine Ausnahme.

Am schlimmsten trifft es Mathilde, der angeblich mit leichtfertig durch den Vater veranlaßten Operationen dauernder körperlicher Schaden zugefügt worden sei. Konkretes erfahren wir darüber nicht. Wenn von "schweren Bauchfellentzündungen" und "Perityphlitis" die Rede ist, so ist kaum vorstellbar, daß Mathilde das zur damaligen Zeit überlebt hätte. Die Krankheiten werden dramatisiert, aber verschwommen referiert, kein Wort darüber, wie die Diagnosen zustande kamen. Diagnosen der damaligen Zeit waren oft mehr vermutet als gesichert und sind daher mit Vorsicht zu genießen.

Glaubt man Eva Weissweiler, so hat Freud alles falsch gemacht. Sie hat eine Aufteilung in Täter und Opfer vorgenommen. Täter sind vor allem die Männer, voran der Alte selbst, Opfer vorwiegend Frauen. Die weit verzweigte Familie bot ihm ein ausgiebiges Betätigungsfeld. Manches Leserherz wird bei der Lektüre höher schlagen. Haben wir ihn endlich dingfest gemacht! Freud hätte es verdient, als "Mensch mit seinem Widerspruch" dargestellt zu werden, die Argumentationslinie der Autorin hat dieses Ziel verfehlt. Schade.

Dezember 2006

* Eva Weissweiler, Die Freuds. Biographie einer Familie. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2006, S. 478, € 24,90
** Autor: Dieter Becker, Dr. med., niedergelassener Psychoanalytiker in Frankfurt

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