Horst Eberhard Richter: Der Amoklauf von Winnenden - Blick in den eigenen Abgrund

Das Ungeheuerliche ist geschehen. Geblieben ist die Trauer. Zugleich das Unbehagen über etwas im Grunde Unverstandenes. Die Waffenleidenschaft eines 17 Jahre alten Jugendlichen, das Tötungswerkzeug, das achtlos herumliegt, die alterstypische Vernarrtheit in Computer-Killerspiele - all das reicht noch nicht aus, um den Amoklauf Tim K.s zu verstehen. Es muss doch noch etwas Entscheidendes aus der Innenwelt hinzugekommen sein, eine Mischung von Verzweiflung und Hass, ein Ausbruch des Täters aus ungelösten Konflikten mit sich selbst und dem Umfeld. Etwas, was er zuletzt nicht anders ausdrücken konnte als durch wilde Zerstörung und am Ende durch Selbsttötung.
Doch es gab von ihm einen Versuch, sich helfen zu lassen. Fünfmal hatte er im Vorjahr die Psychiatrie aufgesucht. Dort war er untersucht und nach Auskunft des Klinikchefs auch behandelt worden. Aber eine reguläre Psychotherapie kam nicht zustande. Warum, das wissen wir nicht. Nur, dass Tim sich auf einem Musterungsformular selbst als depressiv bezeichnet hat.

Ist die Ordnung, in der wir leben, noch verlässlich?

Depression enthält Selbsthass. Und bekannt ist, dass dieser unter Umständen in zerstörerische Aggression umschlagen kann. Als psychoanalytischer Familientherapeut hatte ich es wiederholt mit einer solchen gefährlichen Situation zu tun. Die Waffe eines gewaltbereiten, psychisch gestörten Jugendlichen verwahre ich noch immer in meinem Stahlschrank. Ich konnte ihn als Therapeut von Schlimmerem abhalten. Seine Eltern haben mir geholfen.
Woran lag es, dass Tim mit seinem inneren Aufruhr am Ende allein blieb - an ihm selbst oder an mangelnden Beistandsangeboten? Das ist nicht mehr zu klären. Und die Fahndung nach möglichen Versäumnissen anderer sollte unterbleiben, sosehr es in solchen Fällen viele drängt, eigenes Unbehagen an echten oder vermeintlichen Schuldigen abzureagieren. Das landesweite Entsetzen zeigt: Die Tragödie trifft und mahnt uns alle. Da bricht ein Unheil in unsere heile oder vermeintlich heile Welt ein. Ist die Ordnung, in der wir leben, noch verlässlich, wenn ein derartiges Inferno möglich ist? Wenn ein ganz unauffälliger junger Mann, einer normalen angesehenen bürgerlichen Familie entstammend, seine Umwelt zur Hölle macht?

Widerstreit von Hinschauen- und zugleich Wegschauen-Wollen

Die Ordnung lässt sich ein Stück weit reparieren. Die Waffenhaltung kann man strenger regeln und besser überwachen, Verstöße strenger ahnden. Hauptsache, die Leute sehen, dass etwas gemacht wird. Die Menschen hören auch zu, wenn Verhaltensbiologen, Psychologen, Pädagogen, Sozialarbeiter, auch mal ein Psychiater erklären, was alle Amokschützen gemeinsam haben - dass sie männlich, labil und jugendlichen Alters sind, meistens zurückhaltend, unauffällig und so weiter. Also passt Tim in diese Kategorie. Und ein Teil des Publikums findet es schon etwas entlastend, wenn man das Unheimliche wissenschaftlich kategorisieren, vergleichen und definieren kann. Aber kann man das Furchtbare durch Intellektualisierung beherrschbar machen?
Viele bleiben ratlos. Wie kann ein als ganz harmlos beschriebener Tim K. aus einer unauffälligen Familie eine Wahnsinnstat begehen, ohne wahnsinnig zu sein? Gibt es denn keinen Anhaltspunkt dafür, was ihn bewegt, was er gedacht oder gefühlt hat? Wie kann einer wie dieser plötzlich in wilde Raserei geraten, sich als Mensch in eine Bestie verwandeln? Gibt es denn keine Anhaltspunkte, sein Benehmen zu verstehen? Die Leute wollen verstehen und doch wieder nicht verstehen. Das verrieten auch schon die Politiker in ihren ersten Kommentaren sprachlich, wenn sie sagten, das Geschehene sei unfassbar, es sei unbegreiflich. Man erkennt: Es ist ein Widerstreit von Hinschauen- und zugleich Wegschauen-Wollen.

Verstehen, ohne es zu billigen

Verstehen ist nur möglich, wenn man sich annähert. Doch in Wirklichkeit ist die Nähe schon da. Arthur Schopenhauer hat dafür einmal eine Erklärung gegeben: Wer in das Tiefinnerste seines ärgsten Widersachers eindränge, würde darin zu seiner Überraschung sich selbst entdecken. Das ist der heikle Punkt. Man kann nur verstehen, indem man sich einfühlt und dabei etwas Eigenes entdeckt, was der andere widerspiegelt. Wichtig ist aber nun, dass man selbst unter Kontrolle hat und bewahrt, was von dem anderen Besitz ergriffen hat. Dann kann man verstehen, ohne es zu billigen.

Das ist etwas, was Psychoanalytiker in ihrer Ausbildung gründlich lernen. Nämlich sich bei anderen Menschen auch in Befremdendes und sogar Abstoßendes einzufühlen, um dem anderen darin beistehen zu können, sich etwa von gefährlichen Impulsen zu distanzieren. Das erlebte ich als wichtige Aufgabe während der achtundsechziger Rebellion, nämlich Jugendliche darin zu unterstützen, ihre revolutionäre Gewaltbereitschaft in konstruktive reformerische Energie zu verwandeln. Das gelang mir aber nur bei wenigen. Andere gingen in die RAF und begannen dort eine Art von Amoklauf im Großformat.

Problem des Verstehens - Beispiel RAF

Am Beispiel RAF war das Problem des Verstehens beziehungsweise des Nicht-verstehen-Wollens besonders deutlich zu erkennen. Vor zehn Jahren habe ich selbst mit der Betreuung einer RAF-Gefangenen begonnen, wozu mich ein katholischer Gefängnisseelsorger angeregt hatte. Es ist Birgit Hogefeld, als Letzte der RAF noch in Haft, streng katholisch erzogen. Sie hatte ihren Vater als gebrochenen Kriegsheimkehrer erlebt, als heimlichen Freund der Russen und voller Hass auf den hiesigen Staat. Heimlich sympathisierte er mit den Kommunisten und verriet Birgit seine Genugtuung über die Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback. Später stand er bei den Steckbriefen und prahlte vor Betrachtern: Das ist meine Tochter! Diese hatte sich in die Rolle der Erlöserin und Rächerin des geknickten Vaters hineingelebt und sich darin verfangen, wovon sie sich mit meiner Hilfe inzwischen schon lange befreit hat. Jetzt ist sie wieder die, die sie einmal war. Sie ist nicht die Einzige aus jener amokläuferischen RAF, die an einer familiären Verstrickung gescheitert ist.

Verstehen heißt aber auch hier nicht entschuldigen, zeigt nur die Chance der Heilbarkeit. Und Verstehen bietet einen Hinweis auf eine familientherapeutische Sichtweise, die grundsätzlich auch für die Vorbeugung mehr Beachtung verdient. Allmählich schwinden die Vorurteile von Eltern, sich bei Schwierigkeiten ihrer heranwachsenden Söhne oder Töchter in die therapeutische Betreuung einbeziehen zu lassen. Sie lernen meist, dass diese Hilfe auch ihnen persönlich zugutekommt. Oft tut es beiden Generationen gut, mit familientherapeutischer Unterstützung eine bedrückende Entfremdung voneinander zu überwinden.

Das Gespräch zwischen den Generationen verkümmert

Aber zurück zu dem Drama von Winnenden. Dort ist es jedenfalls - warum auch immer - zu keiner kontinuierlichen therapeutischen Zusammenarbeit mit Tim und seinen Eltern gekommen. Dahingestellt sei, ob sich sonst das Schreckliche hätte verhindern lassen. Nur eines ist gewiss: Die Gefahr der Wiederholung von Amokläufen wie in Winnenden ist keineswegs gebannt. Daran, dass sich bald nach der Tragödie mehrere Dutzend Trittbrettfahrer im Internet mit neuen Anschlagsdrohungen meldeten, lässt sich erkennen, dass zumindest ähnliche Gewaltphantasien nach wie vor in vielen Köpfen schlummern.Die Älteren wissen heutzutage wenig davon, was im Innern vieler männlicher Jugendlicher vorgeht. Es ist auch der Computer, der die Generationen voneinander entfremdet. Doch die Älteren kommen dieser Entwicklung mit nachlassendem Interesse an der Welt der Jugend entgegen. Das Gespräch zwischen den Generationen verkümmert. Die Schule ist ein Beispiel. Die Kinder werden weniger in ihrer eigenen Welt wahrgenommen, sondern eher als das, was aus ihnen werden soll: erfolgreiche Wissensmaschinen. Lehrer unterschätzen oft, welche Prägekraft sie als Vorbilder ausüben könnten. Denn wie sie sind und wie einfühlend sie sich kümmern, das geht in die Kinder und Jugendlichen mehr ein als alles, was sie pflichtgemäß als Lernstoff eintrichtern.

Tragödie von Winnenden möglichst unwiederholbar machen

Der Verlust an Nähe in allen Beziehungen gefährdet die Humanität. Nähe bedeutet Verantwortung füreinander. Auge in Auge weiß man, was man einander schuldig ist. Aber der Computer kennt kein Gewissen, kein Mitgefühl, keine Achtung vor anderen, grundsätzlich keine echte Nähe. Wie viele Altersgenossen verbrachte Tim K. täglich viele Stunden am Computer mit Killerspielen. Die meisten Jugendlichen können sich dabei entspannen. Aber es gibt andere, in denen die Virtualität nicht Gekränktheit und Hass aus der Realwelt abspaltet, sondern diese Spannung weiter auflädt. Jedenfalls sind sich die Experten einig: Killerspiele sind riskant für Jugendliche ohne festen inneren Halt. Das Magazin "Spiegel" hat von dem ehemaligen amerikanischen Militärpsychologen Dave Grossman erfahren, die amerikanische Armee setze Videosimulatoren nach Art von "Counter-Strike" ein, um die Tötungshemmungen der Soldaten abzubauen.
Sollte das nicht ausreichen, um energisch zu reagieren? Die Warenhauskette Galeria Kaufhof demonstriert, was getan werden kann: Sie nimmt alle Computer- und Videospiele aus dem Verkauf, die erst ab 18 Jahren freigegeben sind. Es ist ein Anfang und ein Zeichen, wie man Verantwortung dafür übernehmen kann, die Tragödie von Winnenden möglichst unwiederholbar zu machen.

Der Autor ist Psychoanalytiker und einer der Begründer der Familientherapie.

Text: F.A.Z.

* Artikel erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am 21. März 2009

** Autor: Prof. Dr. med. Horst Eberhard Richter, Psychoanalytiker, Pionier der psychoanalytischen Familientherapie, Psychosomatiker und Sozialphilosoph

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