Jochen Lellau: Der Kontakt mit dem dynamischen Unbewussten in der psychoanalytischen Behandlung

Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet? Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst!
(Georg Büchner, Dantons Tod)

Vortrag, gehalten am 13.4.2015 an der Universität Hamburg als Auftakt der Vorlesungsreihe „Psychoanalyse – die Wissenschaft vom Unbewussten“

Wenn wir uns mit der Psychoanalyse als der Wissenschaft vom Unbewussten beschäftigen, könnte man meinen, wir bewegen uns damit in einem ähnlichen Bereich der begrifflichen Unschärfe und Allgemeinheit wie der von Douglas Adams berühmter Frage nach dem Leben, dem Universum und allem. Dennoch, ganz so schlimm ist es nicht, die Psychoanalyse hat es in den 115 Jahren ihres bisherigen Bestehens verstanden, sich der Unschärfe ihres Gegenstandes, des psychischen Geschehens, anzupassen und den Anspruch, auf unklare Fragen klare Antworten zu geben, aufgegeben. Wir nehmen stattdessen einen exzentrischen Standpunkt ein, betrachten das Seelische mit Distanz und stellen fest, dass Unbewusstheit die Qualität der allermeisten psychischen Vorgänge ist, und man sich eher umgekehrt fragen könnte, was denn eigentlich bewusst sei. Aber: Wir können unser Bewusstsein richten, d. h. wir können unsere Aufmerksamkeit mal diesem Aspekt, mal jener Ebene zuwenden und Differenzierungen herstellen, die den Gegenstand überschaubarer machen.

Die unbewussten Vorgänge wiederum lassen sich durchaus differenziert qualifizieren: Wir haben das weite Feld der vorbewussten psychischen Prozesse und Inhalte, die bewusstseinsfähig werden können, wenn wir die Aufmerksamkeit auf das entsprechende Thema richten. Dies können durchaus auch unangenehme, komplizierte oder schwierige Themen sein, die aber unsere Persönlichkeit und unser Selbstbild nicht im Grundsatz infrage stellen oder bedrohen.

Dann können wir noch einmal die im engeren Sinne unbewussten Vorgänge differenzieren: Wir stellen fest, dass einiges, was unsere Reaktionsweisen in der Welt steuert und limitiert, unterhalb unserer Bewusstseinsschwelle stattfindet und uns in aller Regel, d. h. wenn wir uns nicht einer psychoanalytischen Behandlung unterziehen, verborgen bleibt. Ich denke hier insbesondere an die Abwehrmechanismen, die unsere Ich-Regulation strukturieren.

Und dann bleibt das Unbewusste übrig, das tatsächlich im strengen Sinne des Wortes unbewusst ist und bleibt und auch der psychoanalytischen Behandlung lange verborgen bleiben kann oder im unglücklichen Falle dauerhaft verborgen bleibt. Dieses Unbewusste hat mit dem zu tun, was uns im Innersten antreibt, uns aber auch zugleich im Innersten am meisten gefährdet: Ich rede von den machtvollen Impulsen, Antrieben, Bedürfnissen und Wunschvorstellungen, die sich der Realität, der Rücksichtnahme auf die Anderen, den Verboten und den Begrenzungen unserer Möglichkeiten nicht unterwerfen ließen. Ein Teil dieser psychischen Inhalte ist im engeren Sinn des Wortes nie bewusst geworden, weil es sich um Strebungen und Affektzustände handelte, die so ursprünglich waren, dass sie nie mit Wortvorstellungen verknüpft und damit für unser Denken symbolisierungsfähig wurden. Hier haben wir es mit einem archaischen Erbe der Menschheitsgeschichte zu tun, das in jedem von uns weiterlebt und auf stumme Art und Weise nach Wegen der Realisierung sucht. Ein anderer Teil dieses Unbewussten ist in realen Situationen im Umgang mit Objekten bewusst geworden, stieß aber auf so heftigen Widerstand der Realität, dass es zu einer Gefahr für das Individuum wurde und daher verdrängt werden musste. Verdrängung – das ist ein anderer Begriff, der einer kurzen Beschreibung bedarf, da er in seiner eigentlichen Bedeutung heute nicht mehr geläufig ist. Verdrängung bedeutet, dass etwas, das bewusst geworden war, und Einfluss auf das Handeln des Individuums genommen hatte, wegen der erwähnten existenziellen Konflikte, die es auslöste, mit hohem Energieaufwand wieder dorthin zurückgeschickt, d. h. verdrängt werden musste, wo es ursprünglich hergekommen war. Diese verdrängten Impulse und Wünsche sind dann nicht mehr da, als hätte es sie nie gegeben. Es existiert keine Spur der bewußtseinsfähigen Erinnerung an diese Vorgänge mehr, eben nicht im Vorbewussten, und sie sind für uns mit bewusster konzentrierter Anspannung nicht mehr zu reaktualisieren. Das Verdrängte ist viel mehr als das Vergessene, denn nach der Verdrängung bleibt ein weiterhin erheblicher psychischer Energieaufwand notwendig, um die Verdrängung aufrechtzuerhalten und die Rückkehr des Verdrängten zu verhindern. Aber – und das begründet einen Gutteil des schillernden und irrlichternden Charakter unbewusster Vorgänge – obwohl das Subjekt nichts vom Verdrängten mehr mitbekommt, tauchen Ausläufer, Verzerrungen, Andeutungen, verschobene Inhalte dieses Verdrängten sehr wohl im Bewusstsein des Subjekts auf, können aber nicht mit ihrem Ursprung in Verbindung gebracht werden. Der Mann, der unbewusst von seinem verdrängten Wunsch unter Druck gesetzt wird, in intimen Kontakt mit seiner Schwester zu kommen, fängt an, Frauen in seiner Umgebung mit Aufmerksamkeit zu besetzen, die in irgendeiner, vielleicht ganz zufälligen und oberflächlichen Weise an das verbotene Objekt erinnern. Und jetzt fällt eine weitere Besonderheit der unbewusst beeinflussten Vorgänge auf: andere Menschen, die diesen Mann gut kennen, ihm nahe stehen, merken etwas, bekommen eine Ahnung, stellen, möglicherweise Verbindungen her, die den Mann ganz furchtbar beschämen und fassungslos machen würden, wenn er mit ihnen konfrontiert würde. Das Unbewusste ist also wirklich völlig unbewusst, das Subjekt weiß nichts davon, und zugleich doch irgendwie immer wirksam und auch sichtbar. Freud hat in der Traumdeutung, dieser Grundlegung der pychoanalytischen Theorie vom dynamischen Unbewussten, gezeigt, wie die unbewussten Vorgänge mit hoher Aktivität und viel psychischer Energie danach trachten, sich an irgendetwas in der Realität, der inneren ebenso wie der äußeren, anzuheften, um diese Substitute als Vehikel zur wenigstens andeutungsweisen Realisierung der unbewusst gehaltenen Wünsche und Affekte zu gebrauchen. Unser Mann im Beispiel würde also bemerken, dass er ein zärtliches Interesse für die Nachbarin entwickelt, das ihn eher befremdet und irritiert als erfreut, weil der Ursprung seines Gefühls etwas ist, das er sich niemals bewusst machen wollen würde. Der pychoanalytische Begriff vom Unbewussten ist also ein paradoxer, ein scheinbar widersprüchlicher, dabei aber sehr zutreffender, da er die Doppelheit, die gleichzeitige Wirksamkeit von verdrängenden, abwehrenden Kräften und nach Realisierung strebenden, die Abwehr bekämpfenden Kräften in der menschlichen Psyche anerkennt und zu erfassen versucht.

Das ist es, was Freud mit der Unterscheidung von Ich, Es und Überich meinte: Psychische Systeme, die streng voneinander getrennt sind, und die zugleich ungetrennt ineinander fließen, sich beeinflussen und mal diesen und mal jenen Charakter annehmen können. Unsere psychoanalytischen Begriffe müssen unscharf sein, weil unser Gegenstand unscharf ist, quecksilbrig lebendig und immer in der Not, höchst unterschiedliche Tendenzen berücksichtigen und, wenn möglich, unter einen Hut bekommen zu müssen. Das Unbewusste ist immer anwesend, auch wenn wir es nicht erkennen; aber es zeigt sich, in Verkleidungen, in Anspielungen und in Vexierbildern. Wenn wir psychoanalytisch arbeiten wollen, müssen wir diese Verhältnisse nicht nur aushalten, sondern auch damit umgehen.

In der psychoanalytischen Behandlung machen wir uns dies zu Nutze und haben den Ehrgeiz und den Anspruch, uns diese im engeren Sinne unbewussten Bereiche der Psyche, sowohl ihre primitiv sprachlosen als auch die später verdrängten Bereiche wieder zugänglich zu machen. Wir versuchen dies, indem wir den Patienten auf unsere Grundregel verpflichten, die besagt, der Patient solle in der Behandlungsstunde ohne jede Auswahl alles aussprechen, was ihr oder ihm während der Sitzung ein- und auffällt. Damit wollen wir unsere Patienten dazu verführen, Dinge auszusprechen, die einen kurzen Blick hinter die Mauern der üblichen Abwehr zulassen. Diese Methode funktioniert nach dem Prinzip steter Tropfen höhlt den Stein, sie braucht Zeit.

Was wir mit dynamischem Unbewussten meinen, habe ich bereits angedeutet: Das unzugänglich Unbewusste hat ein vitales Interesse daran, sich im Leben des Individuums zu verwirklichen, akzeptiert die vom Ich des Individuums errichteten Widerstände nicht und strebt mit einer kompromisslosen Rücksichtslosigkeit nach Inbesitznahme der Ressourcen des Individuums. Es funktioniert also nach einer eigenen Dynamik, nach einer eigenen Logik und steht in vielerlei Hinsicht den bewussten Interessen und dem bewussten Selbstbild des Individuums entgegen. Zugleich ist es, wie wir gesehen haben, immer auch im bewussten Leben des Individuums, von ihm selbst nicht wahrgenommen, präsent und aktiv, irritiert das zielgerichtete bewusste Handeln des Subjekts, sorgt für Störungen, unangenehme Überraschungen und kann bisweilen, z.B. in einer neurotischen Entwicklung oder in einem Zustand extremer Verliebtheit oder einer wütenden Einstellung gegen bestimmte Menschen, das Erleben und Handeln des Subjekts sehr stark in seinem Sinne manipulieren – ohne dass das Subjekt weiß, was da geschieht. Diese permanente Wirkung der Ausläufer und verschobenen Repräsentanzen des dynamischen Ubw macht uns das Leben so schwer und so oft unvernünftig, wie wir es jeden Tag erleben, führt uns zu irrationalem Verhalten und macht uns manchmal auch ganz überraschend sehr glücklich.

Die Schwierigkeiten, die entstehen, wenn man versucht, das dynamische Unbewusste, d. h. das bisher Unsagbare und das Verdrängte, in der Behandlung bewusstseinsfähig werden zu lassen, sind kaum zu überschätzen. Warum das so ist, und mit welchen Inhalten man es zu tun bekommt, möchte ich Ihnen am Material einer psychoanalytischen Behandlung veranschaulichen.

Auch hier sei mir noch eine Vorbemerkung erlaubt: Wir alle, auch wir Psychoanalytiker, werden von eindrucksvollen Bildern beeinflusst, die unser Vorbewusstes mitbestimmen. Ein Beispiel für diese Bilder vom Ubw sind Filme, wie z.B. „Ich kämpfe um dich“ (Spellbound) von 1945 von Alfred Hitchcock. Lassen Sie mich ein paar Worte zu dem Film sagen, der bis heute beispielhaft für eine Reihe von Filmen steht, die mit psychoanalytischen Versatzstücken arbeiteten. Ingrid Bergmann lernt Gregory Peck in einer Klinik kennen und lieben. Beide sind Psychiater und Psychotherapeuten. Ingrid merkt schnell, dass mit Gregory etwas nicht stimmt, er zeigt neurotische Symptome, die ihn – gerade auch im Umgang mit ihr – sehr einschränken. Sie beschließt, mit ihm eine Psychoanalyse zu machen, um ihn zu heilen. Diese Psychoanalyse geht so, dass man sich während der Arbeitszeit zusammensetzt und sich befragt, z.B. über die Vergangenheit. Doch es gibt Komplikationen, und Ingrid beschließt, mit Gregory zu ihrem alten Lehrer, einem erfahrenen Psychoanalytiker, zu fahren und ihn um Rat zu fragen. Sie übernachten bei dem Lehrer, der sie freundlich empfangen hat, und Gregory träumt einen von Salvador Dali bebilderten Traum. Am nächsten Morgen – für erfolgreiche Psychoanalysen braucht man eine Nacht und einen Tag – erzählt Gregory den Traum Ingrid und dem Lehrer. Zu dritt analysiert man den Traum und kommt darauf, dass Gregory in seiner Kindheit etwas Schlimmes miterlebt hat, als ein anderes Kind per Unfall zu Tode kam. Nach dieser Auflösung sind die neurotischen Symptome weg, und Ingrid und Gregory können heiraten.

Hier wird die Vorstellung eines statischen Unbewussten vorgeführt: etwas passiert, ist zu viel, wird verdrängt und wirkt wie eine seelische Entzündung, die nicht behandelt wird, das ganze Leben störend weiter.

Die psychoanalytische Arbeit, die Annäherung an die unbewussten Qualitäten und Prozesse, verläuft gewöhnlich erheblich unspektakulärer als im Film dargestellt. Wir machen uns eine Beobachtung zunutze, nämlich die Feststellung, dass wir alle, also auch unsere Patienten, Symptomhandlungen produzieren – das können neurotische Symptome im engeren Sinne sein, wie z. B. phobische Produktionen oder Zwangsgedanken und –handlungen, damit sind aber auch die kleinen Absonderlichkeiten, charakteristischen Eigenarten und originellen, persönlichkeitstypischen Reaktionsweisen gemeint, die mal mehr, mal weniger auffällig sind und uns in der Behandlung als unverwechselbarer Ausdruck der Individualität unserer Patienten entgegentreten. Die Beobachtung ist nun, dass diese Symptomhandlungen, wenn man sie aufmerksam verfolgt, andeutungsweise auf die dem Patienten unzugänglichen, d. h. unbewussten Bereiche seines seelischen Lebens hindeuten. Sie sind Ausdruck seiner Dynamik.

Ich werde Ihnen mit meinem folgenden Bericht keine umfassende Falldarstellung präsentieren, sondern ich werde einen Fall nutzen, um einen Aspekt des dynamischen Ubw beispielhaft zu veranschaulichen. Ich möchte Ihnen zeigen, wie ich auf einem langen Weg allmählich Zugang zu einer unbewussten Phantasie des Patienten fand, die u.a. Abwehrcharakter hatte und mit Hilfe libidinöser Energie sehr gefährliche autodestruktive Kräfte zu kontrollieren versuchte. Der spürbare Kontakt des Patienten zu seinem eigenen Unbewussten und die Teilhabe des Analytikers an diesem Geschehen sind Folge des Prozesses, der sich zwischen Patient und Analytiker entwickelt und in dem beide etwas durcharbeiten, was man als den Widerstand gegen die Behandlung oder die Verweigerung von Entwicklung bezeichnet. Ganz allmählich werden sich beide aufeinander zubewegen und die zunehmende Synchronisierung ihrer beider Unbewussten anstreben. Vor allem wird der Patient seine Angst vor dem Analytiker, die Angst davor, dass ein fremdes Psychisches in ihn eindringt und von ihm Besitz ergreifen will, relativieren und überwinden, indem er sich den Analytiker, wie der kleine Prinz sagte, zähmt. Wir dürfen mit unseren Patienten Fehler machen, wir dürfen ein Brett vor dem Kopf haben, wir dürfen ungeschickt sein, solange wir am Patienten interessiert bleiben und uns von ihm verwickeln lassen, solange wir uns immer bemühen, das Richtige zu erraten, auch wenn es oft nicht gelingt, und solange wir bereit sind, aus unseren Fehlern zu lernen.

Der Patient, aus dessen Behandlung ich Ihnen erzählen will, präsentierte mir schon zu Beginn der Behandlung folgende Auffälligkeit, die ich im Nachhinein als Symptomhandlung bewerte: Er sagte mir nach wenigen Sitzungen, wir saßen uns noch gegenüber, es sei ihm zuwider, zu mir zu kommen und die Sitzungen wahrnehmen zu müssen, er fühle sich bei mir sehr unwohl und wolle gar nicht hier sein. Der Ton, in dem er dies vorbrachte, war abweisend, etwas unverschämt, aber auch gequält.

Jemand anderes an meiner Stelle hätte hier vermutlich bereits innerlich gestutzt und hätte sich gewundert, wie manifest der Patient seine Ambivalenz gegenüber der Behandlung (oder mir) zum Ausdruck brachte, und dass hier ein als Aggression getarnter autodestruktiver Zug am Werke war. Mir ging nichts davon durch den Kopf – wir Analytikerinnen und Analytiker sind alle durch unsere Empfindlichkeiten und unseren Mangel an Sensibilitäten begrenzt, und ich reagiere sehr empfindlich auf entwertende Äußerungen meiner Patienten, die ich reflexhaft als Angriff auf meine Kompetenz interpretiere und kurzschlussartig mit ausgeprägtem Revierverhalten beantworte. So auch diesmal: Ich verhielt mich gegenaggressiv, wies den Patienten in seine Schranken und erlebte mit Erstaunen, dass er sich sofort zurückzog und klein beigab. D. h., schon zu Beginn der Behandlung agierte ich eine Problematik, die wenig mit dem Patienten und viel mit mir zu tun hatte, und war nicht imstande, den subtilen Subtext aufzunehmen, den der Patient mit seinem Symptomverhalten andeutete. Ich brauchte ein paar Jahre, um eine Idee davon zu entwickeln, welche unbewusste Dynamik den Patienten zu dieser Verhaltensweise motiviert hatte.

Ein paar Worte zum Hintergrund dieses Falles. Der Patient war, als er zu mir kam, jung, gebildet, eloquent, gut aussehend, beruflich erfolgreich, in fester Partnerschaft. Doch hinter diesem sichtbaren Bild lebte der Patient in ständiger Verzweiflung, die er für sich behielt und auch seinem Analytiker nur sehr begrenzt, bzw. nur sehr langsam und unter großen Widerständen mitteilen konnte.

Als wir mit der Behandlung begannen, war der Patient nämlich arbeitsunfähig krankgeschrieben und blieb es durchgängig während der ersten Zeit der Analyse. Es blieb mir schleierhaft – und hier sieht man, wie ohnmächtig man als Therapeut bleibt, wenn man in einer bewusstseinspsychologischen Logik gefangen ist und nicht den Blick auf die unbewussten Dimensionen des Behandlungsgeschehens entwickeln kann – mir blieb schleierhaft, wie ein Mensch, der sich in der Behandlung so kompetent mit sich selbst beschäftigen und auf der manifesten Behandlungsebene einen konstruktiven Dialog mit mir führen konnte, nicht in der Lage sein sollte, seinem Beruf nachzugehen, für dessen Ausübung er objektiv gesehen mehr als ausreichende Fähigkeiten mitbrachte.

Eine lange Arbeitsunfähigkeit auch während der Behandlung ist schon ein Befund eigener Art, insbesondere, wenn wichtige Ich-Funktionen wie logisches Denken, Konzentrationsfähigkeit und planvolles Handeln intakt sind und die Arbeitsunfähigkeit ausschließlich als Folge einer mächtigen generalisierten Hemmung und einer entschiedenen, allerdings kaum hinterfragbaren Verweigerungshaltung sichtbar wird. Auf die Behandlung bezogen hieß das: Der Patient verweigerte beharrlich den therapeutischen Fortschritt. Auch mir kam jetzt der Gedanke, dass hier etwas Autodestruktives am Werke sein musste, dessen Begründung mir rätselhaft blieb. Fürchtete er etwas ganz Existenzielles, musste er etwas mit aller Kraft bekämpfen? Ich wusste es nicht. Klar war nur, dass der Patient selbst in dieser Zeit des faktischen Nichtstuns extrem litt, keinen Schlaf fand, sich den Kopf zermarterte und keine ruhigen Minuten hatte. Für mich war es auch nicht leicht: Ich bin ein ehrgeiziger Therapeut, ich will, dass es meinen Patienten unter der Behandlung besser geht, dass sie ihr Leben neu in die Hand nehmen können, dass sie herausfinden, was für sie der angemessene Kompromiss im Leben ist – ich habe den furor sanandi, die Leidenschaft heilen zu wollen, nie ablegen können. Entsprechend hielt mich der Patient in dieser Zeit am ausgestreckten Arm auf Distanz, und er schien kein Problem damit zu haben, mitzubekommen, wie sehr ich mich zumindest zeitweilig mit ihm abmühte. Wenn man unser damaliges Verhältnis als sado-masochistisch beschreibt, liegt man formal sicher richtig, hat aber nichts erklärt: Wozu war das gut? Keiner hatte etwas davon, es ging uns beiden nicht gut, jedem auf seine Weise, und wir traten mit hohem Aufwand auf der Stelle.

Das offensichtlichste bei diesem Patienten war, dass er immer bemüht war, Zusammengehörendes getrennt zu halten. Dies tat er in der Regel subtil, so dass sich ein Hauch von Verrücktheit in der Behandlung etablierte, den ich zwar wahrnahm, aber nicht in Worte fassen konnte. Die gröbste Form der Spaltung nahm er, wie schon erwähnt, im Verhältnis zur Behandlung und zu mir vor: Er konnte in einer Stunde davon sprechen, wie existenziell wichtig die Behandlung für ihn sei, um kurz darauf zu sagen, wie schlimm er es finde, hier zu sein, und wie wenig Einfluss auf sein Leben er mir zugestehen wolle. Beide Gedanken waren getrennt, meine Aufgabe war es, ihn immer wieder darauf hinzuweisen, dass sie zusammen gehörten. Ich möchte die Spaltung, die im Laufe der Jahre immer deutlicher und pointierter ausgesprochen werden konnte, etwas ausführlicher darstellen. Denken Sie daran, dass ich hier etwas zusammenfasse, das in Jahren des Arbeitens an einem zähen Widerstand in immer neuen Formulierungen klarer wurde. Es fing damit an, dass mir das Ausmaß der negativen therapeutischen Reaktion, die der Patient zu chronifizieren begonnen hatte, spürbar wurde: Die Behandlung war produktiv, wir machten Fortschritte und näherten uns immer wieder problematischen Konfliktbereichen an, aber auf jede produktive Sitzung, in der es uns gelungen war, affektives Material in Worte zu fassen, verschloss sich der Patient regelhaft in der nächsten Sitzung und verbarrikadierte sich hinter einer rationalisierenden Mauer. Immer, wenn er mich in der Sitzung an sich heran gelassen hatte, immer, wenn er mir Einfluss auf sein Empfinden ermöglicht hatte, musste er den früheren Status wiederherstellen. Nach wiederholter Beschreibung dieses Vorgangs sagte er schließlich, dass Behandlungserfolg für ihn eine höchst ambivalente Bedeutung habe: Es sei schön, wenn es ihm besser gehe, aber dadurch würde es mir ja auch besser gehen, weil ich einen Behandlungserfolg erzielt hätte, und das sei ein Triumph über ihn. Ich sei dann stolz auf mich, und das könne er nicht ertragen, dies sei „eine unerträgliche Provokation“. Ich war sprachlos über diese Offenheit und ließ die Dinge erst einmal weiterlaufen. Dann fiel mir auf, wie gerne er sprach, wie er seinem eigenen Reden nachhörte, wie er Lust dabei empfand, Worte und Formulierungen zu finden, und als ich ihn darauf hinwies, meinte er, er wolle, dass ich von ihm beeindruckt sei. Letztlich sollte ich ihm sagen, wie beeindruckt ich von ihm war und dass ich von ihm noch etwas lernen kann. Er wollte, dass ich zu ihm sagte, Sie haben Recht, Sie kennen Ihre Schwierigkeiten, und wir müssen im Weiteren nur noch eine paar kleine Hemmungen beseitigen, dann sind Sie wieder unverwundbar. Aber es wäre für ihn unerträglich gewesen, dass ich wegen meines Behandlungserfolges an ihm über mich denken könnte: „Was bin ich doch für ein geiler Therapeut.“ Sie merken, wenn Sie an den Anfang meines Berichts denken, der Patient hatte mich genau an der Stelle am Wickel, an der ich am kränkbarsten war: mein Angewiesensein auf den therapeutischen Erfolg.

Dieser Prozess führte dann in folgende Sequenz: Er sagte in einem vorwürflichen, selbstmitleidig- klagenden Tonfall: „Ich weiß ja nicht, ob Sie mich wirklich mögen.“

Ich antwortete in einer Mischung aus Ärger und Belustigung, ohne weiter nachzudenken: „Na, wir haben so viel erlebt zusammen, das geht wohl nicht ohne Sympathie für Sie.“ Er hielt kurz inne und sagte dann: „Wenn Sie das sagen, schreit etwas, ich will nicht, dass Sie mich mögen, suchen Sie sich doch jemand anderen zum Mögen, haben Sie keine anderen Patienten, die Sie mögen können? Ich will nicht gemocht werden. – Und wenn mich keiner mögen würde, wäre es furchtbar für mich. Und wenn ich das denke, sagt etwas, was für ein sentimentaler Scheiß.“ Hier war die Spaltung in einem Satz, und ich kann Ihnen sagen, er bekam die beiden Teile nicht zueinander. Für ihn stand beides in keinem Verhältnis. Natürlich kann man sagen, er verweigerte die Anerkennung der Abhängigkeit, und er pochte auf sein Recht, weiterhin ungetrennt vom Anderen zu leben und omnipotent zu bleiben. Aber das war mir zu allgemein, das musste sich noch genauer erfassen lassen.

Ein Substrat dieses Komplexes war eine merkwürdige Beziehungseinstellung, die er schon früher gegenüber seinen Eltern geäußert hatte: Die Eltern sollten auf keinen Fall den Eindruck gewinnen, dass es ihm gut gehen würde – dann könnten die Eltern nämlich denken, sie hätten alles richtig gemacht und seien gute Eltern gewesen oder, in seiner Sprache, sie seien geile Eltern. In seinen Worten, in seiner Stimme, in seinem Tonfall war etwas anderes, etwas nur mühsam zurückgehalten sehr Aggressives, etwas Kompromissloses, das auf eine ausgesprochen aktive Tendenz in ihm hindeutete, mit der nicht nur jede Form von Abhängigkeit ausgelöscht werden sollte, sondern mit der er um jeden Preis etwas in seinen Besitz und seine alleinige Verfügungsgewalt bringen wollte. Ich dachte an etwas, das er mir schon in den ersten Sitzungen mitgeteilt hatte, nämlich einen Bericht seiner Mutter über seine Kleinkindzeit, von der sie erinnerte, dass er immer in ihrer Nähe war, und dass er sie nie aus den Augen verloren hatte.

Ich dachte jetzt, diese „Anhänglichkeit“ war doch nichts anderes als eine Kontrolle der Mutter, ein Versuch, seine ältere Schwester und seinen Vater zu verleugnen, und die Mutter allein für sich zu haben. Aber dieser Anspruch war nicht psychotisch, er wurde nicht mit wahnhafter Sicherheit durchzusetzen versucht, sondern er war neurotisch, d. h., die Realität blieb, wenn auch verzerrt, für sein Empfinden wichtig, und er entwickelte Ängste, was ihm drohen könnte, wenn er diesen Anspruch durchzusetzen versuchte:

Er berichtete jetzt immer offener, gewissermaßen schonungsloser gegen sich selbst von seinen Problemen auf der Arbeit. Er konnte weder in kleineren noch in größeren Runden von seiner Arbeit sprechen, wenn Vorgesetzte dabei waren. Er konnte seine Kompetenz nicht zeigen. Merkwürdig, bei mir konnte er das – war ich für ihn kein Vorgesetzter? Doch, aber mich hatte er in den Sitzungen unter Kontrolle, wie damals seine Mutter, und deswegen waren Unterbrechungen der Behandlung auch so unerträglich für ihn – dann wusste er nicht, was ich tat. Es ging nur in der Zweierbeziehung, sobald ein Dritter auftauchte, drohte der Kontrollverlust.

Jetzt war ich wieder bei der Kontrolle der Abhängigkeit und der Leugnung der Getrenntheit – aber wie passte dazu diese enorme destruktive Strömung, die er jetzt auch zunehmender artikulieren konnte: Dieser einschießende Hass auf Alle, selbst auf seine Frau und sein Kind, das nach einigen Jahren der Behandlung geboren wurde. Er fühlte einen Widerwillen gegenüber Menschen. Er ließ an niemandem ein gutes Haar. Er empfand eine manifeste Verachtung für die Menschen, die ihm wohlgesonnen waren. Sein Hass quälte ihn so sehr, dass er seinem Leben keinen Wert mehr zubilligte. In diesen Momenten erschien er mir wie ein Selbstmordattentäter, der in seinem Selbsthass die ganze Welt mit in den Abgrund ziehen will. In diesen Momenten wurde mir der Patient unheimlich und ich empfand selbst eine diffuse Angst vor ihm.

Mir fiel jetzt ein anderes Phänomen in dieser Behandlung auf, das begann, mich zu verwundern: Sie werden verstehen, dass ich diese Behandlung, in der so vieles stagnierte, in der so viele Fortschritte verworfen wurden, in der ich so oft enttäuscht wurde und an meinen Fähigkeiten zweifelte, wie ein Fegefeuer empfand, dessen Qual ich nur aushalten konnte, weil ich die Hoffnung hatte, irgendwann geläutert aus ihm hervorzugehen. Mir fiel nun auf, dass ich nicht wie sonst in ähnlichen Behandlungen ein Gefühl des Unwillens vor der nächsten Behandlungsstunde, eine Abneigung gegen die Behandlung spürte, sondern im Gegenteil, jede Sitzung von Neuem mit Interesse und Neugier begann.

Etwas an dem Zusammensein mit ihm schien mir angenehm zu sein. Subkutan hielt er mich bei der Stange, machte sich für mich interessant und band mich an ihn. Er verführte mich, liebte mich und stieß mich wütend zurück, wenn er spürte, dass ich kein Teil von ihm war, der ihn nährte und zu dem machte, der er gerne gewesen wäre. Er konnte nicht ertragen, dass ich ein eigenständiger Mensch mit Gedanken und Gefühlen war, die nichts mit ihm zu tun hatten, oder ihm gar unbequem waren. Er war vom Zwang beherrscht, mich in eine libidinös aufgeladene Gemeinschaft ziehen zu müssen, die ihm einen gewissen Schutz vor dem Kontakt mit den destruktiven Inhalten gab, auf die ich ihn immer wieder hinwies, und die er so sehr fürchtete, weil etwas in ihm wusste, dass sie ihn umbringen würden, wenn er ihnen freien Lauf lassen würde. Diese libidinöse Abwehrkonstruktion war ihm unbewusst, und das Destruktive musste unbewusst bleiben, obwohl es immer mal wieder in Fragmenten, isoliert vom übrigen Bewusstsein, in der Behandlung auftauchte und ihn erschreckte.

Man könnte bei diesem Patienten von einer unbewussten Phantasie sprechen, einer unbewussten Vorstellung der ungetrennten Vereinigung mit mir, die nie aufhört und nie begonnen hat. Die Phantasie musste unbewusst, also geheim bleiben, weil sie, wäre sie bewusst geworden, ihm die enorme Bedeutung aufgezeigt hätte, die ich faktisch für ihn hatte. Diese Struktur hatte eine stabilisierende Funktion und konnte helfen, die eigentliche Gefahr in ihm, die destruktive Verneinung des Lebens an sich, zu kontrollieren. Hier bekommt auch der Befund der sado-masochistischen Beziehungsgestaltung in der Behandlung einen Sinn. In einer Sitzung sagte er: „Vielleicht will ich sagen, Herr Lellau, ich liebe Sie, ich liebe Sie, ich liebe Sie – und dann gleich Scheiße, Scheiße, Scheiße“. Damit gestaltete er die ubw Phantasie weiter aus: wir waren in einer analen Welt ein anales Paar, das sich mit dem beschäftigt, was ihn damals, als er ein kleiner Junge war, am meisten faszinierte. In seiner abgewehrten Darstellung waren die beiden Aspekte „Paar“ und „Anal“ getrennt, in der ubw Phantasie waren sie vereint. Diese Phantasie war auch in meinem Erleben repräsentiert, denken Sie an meine Freude an unseren Sitzungen, obwohl er mich quälte, oder meine Übernahme seiner Isolierungs- und Spaltungstechnik, wenn ich mich mal freute, mal sehr verzweifelt war, aber beide Affekte kaum zusammenführen konnte, oder den tatsächlichen Anlass für eine emotionale Reaktion auf ihn nicht wahrnehmen konnte, sondern auf einen anderen, unwichtigen Anlass verschob. Und nochmal: Die unbewusste Phantasie war eine sado-masochistisch lustvolle Abwehr der Tendenz, die alles Leben aufheben und in den status quo ante zurück will, das „kategorische Nein“, wie er es mal nannte. Die Phantasie selbst nämlich ist trotz aller Perversität ihrer Ausgestaltung absolut lebens- und beziehungsbejahend – nur eben zu seinen Bedingungen, nämlich der Verleugnung des Geschlechtsunterschiedes, der Verleugnung der Getrenntheit und der Verleugnung der Existenz dritter Objekte, die eigene Ansprüche haben.

Ich breche hier den Bericht über diese Behandlung ab. Er musste notwendig fragmentarisch bleiben, und er diente zur Illustration, wie die Kräfte des dynamischen Unbewussten die Bildung unbewusster Phantasien erzwingen, die als eine Art der Proto-Abwehr im Unbewussten des Patienten die Macht vorsprachlicher, ungerichteter, sehr gefährlicher Tendenzen zu beherrschen versuchen und damit zugleich dem psychoanalytischen Aufdecken dieser gefährlichen Tendenzen größte Widerstände bereiten. Ich wollte Ihnen einen Eindruck davon vermitteln, wie wir über die Wahrnehmung des Absonderlichen und Unpassenden bei unseren Patienten, sowie unserer eigenen Merkwürdigkeiten im Umgang mit und in der Reaktion auf unsere Patienten und insbesondere über die Wahrnehmung unserer eigenen Fehler in der Behandlungsführung die Wirksamkeit des dynamischen Ubw erst nur erleben und dann allmählich zu identifizieren lernen. Wir versuchen, die unbewusste Kommunikation zwischen uns und den Patienten zu erkennen und zu verstehen. Dazu versuchen wir das unbewusste Interagieren in der Analysestunde nicht nur mitzuagieren, sondern irgendwann zu erkennen und für das Verständnis des Falles bzw. die Erweiterung unseres eigenen Wahrnehmungs- und Denk- und Fühlraumes zu nutzen. Die Arbeit mit der unbewussten Kommunikation zwischen den beiden am psychoanalytischen Prozess Beteiligten ist unser Anspruch und unsere Methode. Es geht nicht anders, wenn man schwere Charakterpathologien wie die beschriebene suffizient behandeln will, man muss sich die Empfehlung Freuds zu eigen machen, der meinte, man solle dem Unbewussten des Patienten sein eigenes empfangendes Unbewusstes zuwenden. Es ist unsere Sache, dieses Unbewusste zu identifizieren. Es ist die gemeinsame Sache von Patient und Analytiker, es sichtbar werden zu lassen.

Ich hoffe, ich habe Ihnen einen Eindruck, einen Geschmack von dem vermitteln können, was in einer gelingenden psychoanalytischen Behandlung geschehen kann. Ingeborg Bachmann sagte über die Art, wie William Faulkner schrieb, folgendes:

„Die Methode Faulkners ist eigentlich die: uns abzubringen von den Namen, um uns umweglos, erklärungslos in die Wirklichkeit zu stoßen. Nicht er, der Autor, maßt sich die Namen an, nicht er führt sie uns vor und beugt Verwechslungen vor. Nur die Figuren untereinander kennen sich, nennen sich und andere beim Namen, und wir müssen zusehen – wie in der Wirklichkeit - , wie weit wir vordringen und was wir in Beziehung zu setzen vermögen zwischen Menschen, die uns niemand vorformt, präpariert und etikettiert zum größeren Verständnis.“

Das ist auch die Situation der Psa. Wenn Patient und Analytiker zusammen kommen, entsteht eine Begegnung zwischen zwei Menschen, die nichts voneinander wissen. Die fremden Namen, das sind die inneren Objekte des Patienten, die sich überwiegend im Unbewussten tummeln und darüber bestimmen, wie viel der Patient sich mit seinen Realobjekten zugestehen kann. Wir setzen uns diesen psychischen Kräften ohne Landkarte, ohne Kompass, ohne Behandlungsmanual aus, nur mit der Unterstützung unserer Theorien, die so wichtig sind, weil sie Halt geben können, wenn es in der Behandlung drunter und drüber geht, wenn alles still steht oder wenn wir nichts mehr verstehen. Aber im Wesentlichen vertrauen wir auf die Macht der Begegnung und darauf, dass zwischen uns etwas entsteht, das mehr ist als die zwei Personen, die da miteinander sprechen, etwas Drittes, das man eine Art Liebe nennen könnte, denken Sie an Ingrid und Gregory, keine sinnliche Liebe, auch keine platonische Liebe, sondern eine Liebe zu dem, was Analytiker und Patient vereint, das gemeinsame Ziel, dass der Patient es schafft, mit sich und der Welt entspannter und befriedigender umzugehen. Diese Liebe entsteht in dem, was wir Übertragung und Gegenübertragung nennen, einem ständigen Austausch zwischen dem Unbewussten des Patienten und dem Unbewussten des Analytikers, einem Austausch, den der Analytiker zu erfassen versucht, meist erst nachträglich, nur selten schon während der Sitzung. Und auf diese Liebe gestützt und von ihr getragen wird es dann möglich, den Zugang zur inneren Welt des Patienten, seinem eigentlichen Unbewussten, zu finden.

Jochen Lellau, Psychoanalytiker (DPV/IPA), Hamburg

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