Magnus Kihlbom: Krippenbetreuung in Schweden: Erfahrungen und Diskussion

Einführung

Für die allermeisten schwedischen Eltern ist die Betreuung ihrer Kinder in Krippen und Kindertagesstätten (Kita) heutzutage eine Selbstverständlichkeit. Zwar gibt es einen konservativ-ideologischen Widerstand gegen Kita-Betreuung, dieser ist aber ohne politische Relevanz. 91% aller zweijährigen Kinder und 98% der Vierjährigen werden in Krippen bzw. Kitas betreut. Die Kommunen und Gemeinden sind verpflichtet, Kita-Plätze für alle Kinder ab dem Alter von 12 Monaten bereit zu stellen. Der staatliche Elternurlaub beträgt für beide Eltern insgesamt 16 Monate, wobei 80% der Gehälter weitergezahlt werden bei garantiertem Kündigungsschutz. Mindestens zwei Monate Elternurlaub sind für jeden Elternteil vorgeschrieben, ansonsten können die Eltern selbst entscheiden, wie sie sich die Kinderbetreuung einteilen.

Der Ausbau der Kitas in Schweden begann in den 1970-er und 80-er Jahren. Die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie bildeten den wichtigsten Theorie-Baustein. Zwar wurde anfangs auf Qualität großen Wert gelegt, diese verschlechterte sich jedoch am Ende des vorigen Jahrhunderts aufgrund folgender drei Veränderungen:

  • Zum einen ging die Verantwortung für die Kitas auf die Kommunen über und die staatlichen Vorschriften wurden abgeschafft. Dies führte zu erheblich unterschiedlichen Qualitätsmerkmalen. So ist eine neue Art der Ungleichbehandlung entstanden, die nicht auf sozioökonomischen Unterschieden, zum Beispiel zwischen den Familien oder den Kommunen beruht, sondern auf unterschiedlichen Prioritäten der Kommunalpolitiker.
  • Zum anderen führte eine Krise der Staatsfinanzen zu kräftigen Sparmaßnahmen. Ein befriedigendes Niveau der Gruppengröße, der Personalausstattung und der Ausbildung ist noch nicht wieder erreicht worden. Obwohl der Betreuungsschlüssel mit 5,4 Kindern pro Betreuerin gegenüber 7,5 in Deutschland recht günstig ist, werden in Schweden die Bedingungen für die Kinder häufig kritisiert. Dennoch erreichen die schwedischen Kindertagestätten hohe Punktbewertungen im generösen Rankingsystem von UNICEF (Vorhandensein eines nationalen Lehrplanes, ausgebildetes Personal, Elternurlaub, mindestens ¼ der Kinder in der Kita und 1 Betreuerin pro 18 Kinder [sic!]). Ungünstige Bewertungen einzelner Kitas werden dabei durch die Durchschnittszahlen für alle Kitas verdeckt. Die Kitas sollen, so heißt es im schwedischen Lehrplan, "die Bedürfnisse eines jeden Kindes zufriedenstellen", was in der Praxis hohe finanzielle Anforderungen bedeutet, denn alle Kinder haben ja individuelle Bedürfnisse. Aber die Ökonomie wiegt immer am schwersten. Kurzfristig ist es bei der Krankenversorgung und Betreuung von alten Menschen und von Kindern preisgünstiger, die Menschen dem anzupassen, was in den Institutionen geboten wird, als die Institutionen danach auszurichten, was der einzelne Mensch braucht.
  • Drittens wurden die staatliche Schulgesetzgebung und die Entwicklung der Betreuungskonzepte immer mehr von Pädagogen dominiert. Die offizielle Bezeichnung "Tagesstätte" wurde abgeschafft und durch "Vorschule" ersetzt. Die Pädagogen redeten vom "lebenslangen Lernen" vom Alter von 12 Monaten an. Der Fokus hat sich also von der Beachtung der Beziehungen und der emotionalen Entwicklung des Kindes hin zum kognitivem Lernen verschoben.

Qualität in der Kita-Betreuung: eine psychologische Perspektive

Ein Ausgangspunkt ist die klinische Erfahrung, dass gute, frühe Trennungserfahrungen wichtige Bausteine für die spätere Entwicklung sind und umgekehrt, dass traumatische Erfahrungen eine Gefährdung der Entwicklung mit sich bringen können. "Sinn und Zweck einer Kinderkrippe besteht darin, Mutter und Kind zu trennen. Ihre Aufgabe ist es, diese Trennung für Mutter und Kind so gut wie möglich zu bewältigen" (1). Kitas von hoher Qualität können somit eine sehr positive Funktion haben.

Auf eine minimale Kurzformel gebracht bedeutet " Qualität": Vertrauensvolle Beziehungen zwischen dem Kind und seinen Bezugspersonen. Qualität ist aber ein komplexer Begriff, der strukturelle Faktoren ("harte Daten") sowie qualitative Faktoren ("weiche Daten") beinhaltet.

Die persönlichen Eigenschaften der Betreuungspersonen wie emotionale Wärme, Verlässlichkeit und Einfühlungsvermögen machen den allerwichtigsten Qualitätsfaktor aus. Für die pädagogische Ausbildung und auch für die öffentliche Diskussion stellt dies ein schwieriges Problem dar. Die Messung dieser Eigenschaften ("weiche Daten") ist zwar theoretisch möglich, in der Praxis aber bis jetzt unausführbar. Wir müssen uns einfach darauf verlassen, dass der Wunsch, mit kleinen Kindern zu arbeiten, ein Indikator für diese Eignung ist.
Insbesondere in Berufen des Sozial- und Gesundheitswesens müssen die Personen eine Motivation und in ihrem Leben erworbene Fähigkeiten (persönliche und soziale Kompetenzen) mitbringen, die sie in einer Ausbildung zu einer professionellen Handlungskompetenz erweitern. Dies bedeutet aber ein besonderes Problem in der Ausbildung für die Arbeit in einer Kita: Wie kann eine Hochschule solche impliziten Fertigkeiten vermitteln, die in der eigenen frühen Kindheit im präverbalen Alter bereits erworben sein sollte?

Die "harten Daten" dagegen können leicht erhoben und gemessen werden. Wünschenswert ist, dass sie in öffentlichen Statistiken publiziert werden, was aber selten geschieht. Den Eltern sollten solche Informationen über Qualitätskriterien in jeder einzelnen Kita leicht zugänglich gemacht werden, einerseits um selbst eine gute Wahl treffen, andererseits um Politiker unter Druck setzen zu können.

  • Die Forschung zeigt, dass die Gruppengröße, der Personalschlüssel und die Ausbildung des Personals die wichtigsten strukturellen Qualitätsfaktoren sind.

Vor den Sparmaßnahmen in den neunziger Jahren wurden in Schweden hohe Standards erfüllt. Inzwischen werden diese aber als unerreichbare Ideale betrachtet. Mit der Größe der Gruppe nehmen eine Reihe negativer Faktoren zu, zum Beispiel eine autoritäre und befehlende Haltung bei dem Personal. Auch das Infektionsrisiko steigt, was nicht nur für die Kinder, sondern auch für das Personal, für die Eltern und Großeltern ein Problem bedeutet. Lärm ist ein weiteres, verbreitetes Milieuproblem für Kinder in den Kitas und in den Schulen, sowie für das Personal. Je größer die Gruppen, umso ausgeprägter der Lärm. In einer Untersuchung mehrerer Kitas überschritt der Lärmpegel die Grenze, bei der 50% der Sprachverständigung verloren geht und lag nahe an oder über der Grenze, ab der Lärmschädigungen entstehen können.

Für die Ein- bis Zweijährigen wird in Schweden, aber auch in Großbritannien und in den USA eine Gruppengröße von nicht mehr als 12 Kindern und ein Personalschlüssel von einem Erwachsenen für drei bis höchstens vier Kinder empfohlen. Eine interessante Tatsache ist, dass andere Länder wie zum Beispiel Frankreich ganz unterschiedliche Normen haben. Die Ausbildung des Personals erfordert umfangreiche staatliche Investitionen. In Schweden haben weniger als 50% der Betreuer eine postgymnasiale pädagogische Ausbildung, obwohl das offizielle Ziel viel höher ist.

Die Kontinuität in den Beziehungen zwischen dem Kind und dem Erwachsenen - über den Tag, über die Woche und über Monate hinaus - hat eine vorrangige Bedeutung. Sie ist ein weiteres messbares Qualitätsmerkmal. Die Wechsel in den Beziehungen aufgrund von Urlaub, Krankheit und so weiter, können zu schädlichen Beziehungsabbrüchen führen. Alter und Aufenthaltsdauer sind ebenfalls kritische Faktoren. UNICEF empfiehlt eine Verweildauer für Kleinkinder in den Kitas von maximal 4 bis 6 Stunden. Je jünger das Kind, umso höher müsse die Qualität der Betreuung sein.
Idealerweise wird die Krippen-Reife des einzelnen Kindes in enger Zusammenarbeit zwischen den Eltern und der zukünftigen Bindungsperson ausgelotet - unter Umständen wird das Kind erst später aufgenommen und/oder es verbringt weniger Stunden in der Kita. Unsere Berechnungen zeigen, dass schwedische Kleinstkinder ebenso lange in der Krippe betreut werden wie die älteren Kinder, durchschnittlich 30 Stunden pro Woche. Hinter diesem Durchschnittswert verbergen sich jedoch erschreckende Tatsachen: 25% der ein- bis zweijährigen Kinder verbringen 36 oder mehr Stunden pro Woche in der Kita, und für 14 % sind es sogar mehr als 40 Stunden pro Woche. Die "Arbeitswoche" der Kleinstkinder kann länger sein als die der Eltern.

Eine kritische Einleitungsphase ist die Eingewöhnung in die Kita, die natürlich individuell dem Kind angepasst sein sollte. Die Krippen-Reife des einzelnen Kindes sollte in enger Zusammenarbeit zwischen den Eltern und den zukünftigen Bindungspersonen ausgelotet werden. Jedoch werden die Anfänger meistens gruppenweise nach den Sommer- oder Weihnachtsferien eingewöhnt. Seit einigen Jahren haben manche schwedischen Kitas ein " Quick fix" eingeführt, wobei die Eingewöhnung innerhalb von drei Tagen durchgeführt wird. Diese " Innovation", die ich als ein schlecht geplantes gesellschaftliches Experiment betrachte, ist ohne jedwede empirische Grundlage eingeführt worden. Das ist verblüffend, da bei uns die Begriffe wie "evidenzbasierte Kenntnisse" und " Qualitätssicherung" in allen anderen Bereichen eine große und manchmal auch übertriebene Bedeutung haben.

Die Fürsorge für das Personal, Weiterbildungsangebote und besonders Supervision sind wichtig. Häufig kommt es zu Gefühlen von schlechtem Gewissen, dass man dem Kind nicht die angemessene Zuwendung geben kann, Gefühle von Verlassensein und Geschwisterneid sowie zu intensiven Abwehrvorgängen wie Projektionen und Introjektionen. Innere Konflikte und impulsives Verhalten bei gestörten Kindern, z. B. mit sadistischen und sexuellen Inhalten, können sehr beunruhigend sein und inadäquate Abwehrstrategien hervorrufen. Das Bedürfnis nach psychoanalytischer Supervision ist offensichtlich, zumindest für uns Psychoanalytiker. Es wird jedoch von Kita-Leitern und Politikern nicht genügend gewürdigt, und wird oft mit einem massiven Widerstand begegnet.

Qualität: Forschungsergebnisse

Man hat in vielen Ländern belegen können, dass Qualitätsfaktoren die emotionale, intellektuelle und soziale Entwicklung langfristig beeinflussen. Zum Beispiel existieren Daten von 1.400 Kindern aus den USA, denen man vom Krippenalter bis in die Zeit als Jugendliche gefolgt ist. Die soziale und kognitive Entwicklung der Kinder und die Qualität der Kitas wurden kontinuierlich gemessen (2). Je höher die Kita-Qualität, umso besser waren im jugendlichen Alter die schulischen Leistungen und das Verhalten der Kinder. Ähnliche Ergebnisse erbrachte eine englische Studie von nahezu 3.000 Kindern, die vom dritten bis zum elften Jahr untersucht wurden (3).

Es hat sich auch gezeigt, dass eine gute Qualität in der Kita-Betreuung schlechtere psycho-soziale Ausgangsbedingungen kompensieren kann (4, 5). Dies ist eine wichtige Feststellung, da es auch in einer wohl geordneten Gesellschaft bei manchen Familien viele Risikofaktoren gibt. Zum Beispiel wurden bei über 25% der Familien in einem Stockholmer Vorort Probleme wie Alkohol- und Drogenmissbrauch, Kriminalität und psychischen Erkrankungen festgestellt.
Forschungsergebnisse zeigen, dass eine gute Qualität in der Kinderbetreuung für die Gesellschaft auch unter ökonomischen Aspekten lohnend ist (6, 7). Dies sollte die verantwortlichen Politiker interessieren.

Die Entwicklung der Bindung der Kinder zu den Betreuungspersonen in der Krippe ist wenig erforscht. Bei uns in Schweden ist zu diesem Thema eine Untersuchung von Ingrid Harsman durchgeführt worden. Nur einige Arbeiten aus den USA von Howes und Spieker sowie aus dem deutschen Sprachgebiet von Liselott Ahnert, Wilhelm Datler und ihren Mitarbeitern in Wien sind mir bekannt (8, 9, 10). Interessant an der Wiener Untersuchung ist der Nachweis von kollektiven, unbewussten Abwehrstrategien der Betreuerinnen gegen das Erleben von psychischen Schmerzen und Ängsten bei den Kindern. Das stimmt vollends mit unseren Beobachtungen überein, dass Erwachsene - gleich ob Personal, Eltern oder Politiker - in einer oft verblüffenden Art und Weise negieren, dass Kinder solche negativen Erfahrungen in der Kita machen.

Qualität: Der psychobiologische Gesichtspunkt

Plastizität des Gehirns: Früher glaubte man, dass die Entwicklung des Gehirns hauptsächlich von Genen gesteuert werde. Die Forschung hat aber gezeigt, dass die Entwicklung des Gehirns überraschend formbar ist. Das Gehirn ist ein soziales Organ, „es schafft sich selbst mit Hilfe der Umwelt". In diesen ersten empfindlichen Lebensjahren entwickelt es sich schneller als jemals später im Leben. Bei der Geburt wiegt es nur 25% eines Erwachsenengehirns, aber bereits mit zwei Jahren hat es mehr als 90% des Erwachsenengewichts erreicht. Die neuronalen Netzwerke werden im Zusammenspiel mit der sozialen Umgebung entwickelt, wobei die emotionalen Erfahrungen entscheidend sind. Die in Anspruch genommenen neuronalen Netzwerke werden gestärkt, die nicht beanspruchten entwickeln sich zurück. "Use it or loose it!"
Im zweiten Lebensjahr findet eine durchgreifende Reifung von wichtigen Hirngebieten statt wie zum Beispiel der Frontallappen, mit Funktionen für die Affektregulierung, soziale Fähigkeiten und Empathie. Die Parallele zu den Meilensteinen in der psychischen Entwicklung ist offensichtlich. Gehirn und Psyche sind zwei Seiten derselben Medaille.

Stress: Er ist ein psycho-biologischer oder psycho-somatischer Begriff und pädagogisch sehr nützlich, da er eine Brücke zwischen Psyche und Soma bildet. Die psychologische Seite der Fähigkeit, Stress zu bewältigen, kommt dem Begriff " Ich-Stärke" nahe. Der Stress ist eine körperliche und psychische Reaktion auf Belastungen unterschiedlichster Art. Er wirkt sich schädlich erst dann aus, wenn die Bewältigungskapazität überschritten wird.
Bei einigen Kindern ist Stress leicht auslösbar, bei anderen nicht – was von den individuellen Ressourcen des Kindes abhängt. Das Gehirn des kleinen Kindes ist besonders empfindlich. Allein kann es sich vor Belastungen wie zum Beispiel durch Angst nicht schützen. Adäquates Holding und Containing der Bindungsperson ist notwendig, in der Kita wie zu Hause. Lang anhaltende Belastungen (Stressoren) führen zu Störungen des körperlichen Wachstums, des Immunsystems und des Blutdrucks, der Gefühle (z.B. Affektregulierung) und der kognitiven Funktionen (Wachheit, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Konzentrationsfähigkeit und des Lernens).

Stresshormon Cortisol: Die Regulierung des Cortisol und seine langfristige Bedeutung ist ein eigenes wissenschafliches Gebiet, das noch nicht völlig erforscht ist (11, 12, 13). Das individuelle Cortisolmuster wird durch die Erfahrungen der ersten Lebensjahre angelegt. Während des zweiten Lebensjahres beginnt eine Stabilisierung des Cortisolniveaus und im dritten Lebensjahr soll ein stabiler Tagesrhythmus vorhanden sein. Bei schwerem und anhaltendem Stress ist der Cortisolspiegel chronisch erhöht. Bei Erwachsenen, die in sozial schwachen und finanziell benachteiligten Familien aufgewachsen sind, kommen solche erhöhten Cortisolwerte vor (14). Kindern mit unsicherer Bindung, emotionalen Problemen und schlechter Impulskontrolle sind für Cortisolerhöhung besonders disponiert. Diese Empfindlichkeit ist größer, je jünger das Kind ist.

In mehreren Untersuchungen sind bei in Kindertagesstätten betreuten Kindern höhere Cortisolspiegel festgestellt worden als bei Kindern, die zu Hause betreut werden. Besonders wichtig hinsichtlich der oben genannten langfristigen Folgen der Betreuungsqualität ist der Befund, dass die ohnedies vorhandene Erhöhung des Cortisols in Kitas mit schlechter Betreuungsqualität noch stärker ausfällt (1, 12, 13,15).

Eine meiner Kollegen hat die Stressentwicklung bei den Kindern und dem Personal vor und nach einer Veränderung des Personalschlüssels in einer schwedischen Kita untersucht. Der Personalschlüssel war von fünf auf drei Kinder pro Erzieherin verbessert worden. Der Cortisolspiegel sank daraufhin, es gab weniger Verhaltensauffälligkeiten und Konflikte bei den Kindern und beim Personal eine größere Zufriedenheit und weniger Krankschreibungen.

Theoretisch scheint es mir nicht unwahrscheinlich, dass eine so hohe Qualität der Betreuung erreicht werden könnte, dass Kita-Kinder kein Stress erleben müssen. Diese Hypothese ist aber bislang nie wissenschaftlich überprüft worden. Auch in (amerikanischen) Kitas von guter Qualität sind erhöhte Cortisolspiegel, obwohl in niedrigerem Umfang, nachgewiesen worden (15, 16, 17).

Aufgrund dieser Ergebnisse wurde die Meinung vertreten, dass Kinder, die jünger als drei Jahre sind, nicht in die Kita aufgenommen werden sollten (18). Solche kategorischen und generalisierenden Empfehlungen nützen nicht den Familien. Mehr realistisch finde ich den Rat, dass empfindliche und unreife Kinder in der Kita erst am Ende des zweiten oder im dritten Lebensjahr in der Kita anfangen sollten. Wenn aber die psychosozialen Verhältnisse des Kleinkindes schlecht sind und die Kita eine gute Qualität aufweist, soll eine Kindertagesbetreuung, meiner Meinung nach, empfohlen werden.

Die Kita und das Bedürfnis nach kultureller Integration

Die Kita ist eine der ersten Kontaktflächen zwischen Migrantenfamilien und der Gesellschaft und kann den Ausgangspunkt für die Integration, die für unsere Gesellschaft derzeit so wichtig ist, darstellen. Viele Eltern stammen aus Kulturen, deren Werte sich in vieler Hinsicht von denen in ihrer neuen Gesellschaft unterscheiden. Kindererziehung ist, wie Anthropologen nachgewiesen haben, stark von bewusst und unbewusst gefühlsmäßig verteidigten Werten beeinflusst. Im Kita-Alltag werden viele Aspekte aktualisiert, zum Beispiel wie die Erwachsenen ihre physische und psychische Übermacht einsetzen, die Einstellung zum Körper und zur Sexualität sowie die Beziehungen zwischen Jungen und Mädchen und zwischen Frauen und Männer (Betreuerinnen und Väter). Die Handhabung dieser empfindlichen Themen kann für das Personal schwierig sein, sowohl den Kindern wie auch den Eltern gegenüber. Für diese Aufgabe sind die schwedischen Kitas aber wenig vorbereitet, denn sie sind für ein Schweden konzipiert waren, das bis vor einer Generation kulturell auffallend homogen gestaltet war. Hinzu kommt, dass Männer nur 3% des Personals ausmachen.

Der sprachliche Austausch zwischen dem Kind und dem Erwachsenen ist für die emotionale und intellektuelle Entwicklung sehr wichtig. Durchschnittlich haben 20% der Kinder in den schwedischen Kitas eine andere Muttersprache als Schwedisch. In manchen Vororten der großen Städte sind sie in der Majorität. Betreuerinnen mit entsprechenden Sprachkenntnissen bilden die Ausnahme. Es leuchtet ein, dass je größer die Kindergruppen sind, desto weniger mit dem einzelnen Kind gesprochen werden kann. Auch der Geräuschpegel ist wichtig: Migrantenkinder, die noch nicht Schwedisch gelernt haben, sind auf ein Lärmniveau angewiesen, das 5-10 Dezibel niedriger sein sollte als für Schwedischsprechende.

Abschließende Bemerkung

Die kostspielige Qualität der Kita-Betreuung muss oft verteidigt werden. Immer wieder werden von Politikern und Personal, aber auch von Eltern rationalisierende Argumente hervorgebracht, welche die kritischen psychologischen Befunde und beunruhigenden wissenschaftlichen Erkenntnisse herunterspielen. Psychologen, Ärzte und andere Sachverständige haben somit auch eine pädagogische Aufgabe.

Auf der anderen Seite muss man aus mehreren Gründen auch vor einseitiger Betonung der mütterlichen Abhängigkeit warnen. Heutzutage ist die Ökonomie der Gesellschaft, wie auch der Familien, durchgreifend verändert. Die Kitas sind einfach aus ökonomischen Gründen notwendig. Auch die Stellung und die Wünsche der Frauen sind durchgreifend verändert. Zu "Kinder und Küche" führt keinen Weg zurück, wenn auch die Eltern - und wir Professionelle! - sich beunruhigen. "It doesn´t matter what the research says, this is the direction people are moving in - more care at younger ages. We've moved on." (19)

In den westlichen Ländern sind die meisten Mütter berufstätig. Einige statistische Beispiele aus Deutschland sollen hier angeführt werden (Kinder mit Migrationshintergrund einbegriffen). In 2007 waren 30 % der Mütter von Kindern unter 3 Jahren erwerbstätig (20). In 2011 haben 25,9 % der Eltern mit einem Kind im Alter von 1 Jahr ein Angebot der Kindertagesbetreuung in Anspruch genommen. Bei Kindern im Alter von 2 Jahren lag die Betreuungsquote bereits bei 47,2% (21).

Kinder und Familien haben unterschiedliche Ressourcen und Bedürfnisse. Kategorische und generalisierende Behauptungen nützen den Eltern nichts. Was Eltern und Politiker von Fachleuten hören sollten, sind wissenschaftlich fundierte Argumente für eine gute Qualität in der Kinderbetreuung.

Literatur:

  • 1. Scheerer Ann Kathrin (2008) Außerfamiliäre Betreuung als Trennungsaufgabe. Psyche 62/2: 118-135.
  • 2. http://www.nichd.nih.gov/research/supported/seccyd/overview.cfm
  • 3. http://eppe.ioe.ac.uk/eppe/eppeintro.htm2
  • 4. Peisner-Feinberg et al. (2000) The children of the cost, quality, and outcomes study go to school: Technical report. Chapel Hill: Univ. North Carolina.
  • 5. Campbell, FA et al. (2001) The development of cognitive and academic abilities: Growth curves from an early childhood educational experiment. Developmental Psychology 37(2): 231-242.
  • 6. Lynch, R.G. (2004). Exceptional Returns: Economic, Fiscal, and Social Benefits of Investment in Early Childhood Development. Washington, DC: Economic Policy Institute. http://www.ourfuture.org/docUploads/Epi_kids_report.pdf
  • 7. Heckman J.J and Masterov D.V. (2004). The Productivity Argument for investing in Young Children. Committee on Economic Development.
    http://www.ced.org/docs/report/report_ivk_heckman_2004.pdf
  • 8. Howes C, Spieker S (2008) Attachment Relationships in the Context of Multiple Cargeivers, in: Cassidy J, Shavers PR (Eds.) Revised Handbook of Attachment, 2nd ed. New York: Guildford Press
  • 9. Ahnert L, Gunnar MR, Lamb ME. (2003) Shared Care: Establishing a Balance Between Home and Child Care Settings. Child Development 74/4: 1044-49
  • 10. Datler M et al. (2011) Hinter verschlossene Türen. In: Dörr M, Göppel R, Funder A (Hg.) Reifungsprozesse und Entwicklungsaufgaben im Lebenszyklus. Jahrbuch für Psychoanal. Pädagogik 19
  • 11. Shpancer N (2006) The effects of daycare: Resistent questions, elusive answers. Early Childhood Research Quarterly, 21/ 2: 227-237
  • 12. Gunnar MR et al. (2010): The Rise in Cortisol in Family Daycare: Associations With Aspects of Care Quality, Child Behavior, and Child Sex. Child Dev. 81(3): 851-869
  • 13. Groeneveld, MG et al. (2010). Children's wellbeing and cortisol levels in home-based and center-based childcare. Early Childhood Research Quarterly 25/4: 502514
  • 14. Lupie SJ et al. (2001) Can poverty get under your skin. Development and Psychopathology 13/3:653-76.Lisonbee JA et al. (2008): Children's cortisol and the quality of teacher-child relationships in child care. Child Dev. 79/6: 1818-1832
  • 15. Badanes LS (2012) Understanding cortisol reactivity across the day at child care: The potential buffering role of secure attachments to caregivers. Early Childhood Research Quarterly 27: 156-165
  • 16. Lisonbee JA et al. (2008): Children's cortisol and the quality of teacher-child relationships in child care. Child Dev. 79/6: 1818-1832
  • 17. Vermeer J, van IJzendoorn M (2006): Children's elevated cortisol at day care. A review and meta-analysis. Early Childhood Research Quarterly 21: 390-401
  • 18. Böhm R (2011): Auswirkungen Frühkindlicher Gruppenbetreuung auf Entwicklung und Gesundheit. Kinderärztliche Praxis 82/5: 316-21
  • 19.http://www.coca-cola-gmbh.de/pdf/studien/090810_studie_modern_moms.pdf
  • 20.https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Soziales/Sozialleistungen/KinderJugendhilfe/Aktuell_Kindertagesbetreuung.html
  • 21.http://www.guardian.co.uk/lifeandstyle/2010/oct/02/nurseries-childcare-pre-school-cortisol

* Dezember 2012
Der Betrag erschien im Dez. 2011 in "Psychoanalyse-Aktuell" und wurde auf Anregung von Leserzuschriften vom Autor erweitert.

** Autor: Magnus Kihlbom, MD, Facharzt für Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie und Psychoanalytiker (IPA), lebt bei Stockholm. Er ist Autor zahlreicher Bücher u. a. zur Krippenbetreuung wie: "Die ewige Familie"; "Eltern ernst nehmen"; "Krippe für die Kleinsten, zum Besseren oder Schlechteren". (Die Bücher sind nicht ins Deutsche übersetzt)

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