Martina Feurer: Die Kunst, zu finden, was man nicht schon weiß

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in „Projekt Psychotherapie“ (Magazin des BVVP). Wir bedanken uns für die Erlaubnis zur Neuveröffentlichung.

Schon Sigmund Freud beschrieb mit der „gleichschwebenden Aufmerksamkeit“ eine psychoanalytische Grundhaltung des Nichtwissens. In unterschiedlichen Theorieschulen wurde sie später immer wieder neu durchdacht und konzeptualisiert. Nicht alle Positionen blieben dabei unumstritten

Als Sigmund Freud 1885 bei dem Neurologen Jean-Martin Charcot in der Salpêtrière – einer Klinik für Nervenkrankheiten in Paris – hospitierte, war er beeindruckt von der Offenheit, mit der Charcot seine Zweifel und sein Nichtwissen vor seinen Schülern eingestand. Die Kühnheit, mit der Charcot scheinbar feststehende Theoriegebäude infrage stellte, gefiel Freud.

In einem Aufsatz, den er 1893 über Charcot schrieb, hob er dessen Begabung hervor, „neue Dinge sehen“ zu können, „die doch wahrscheinlich so alt seien wie das Menschengeschlecht“. Charcot habe die Dinge, die er nicht kannte, immer wieder von neuem anzusehen und ihren Eindruck Tag für Tag zu verstärken gepflegt, „bis ihm dann plötzlich das Verständnis derselben aufging. Vor seinem geistigen Auge ordnete sich dann das Chaos, welches durch die Wiederkehr immer derselben Symptome vorgetäuscht wurde“.

Freud erkannte, dass Charcot mit seinem aufmerksamen Wahrnehmen unbekannter Dinge eine Methode anwandte, mit der „die Menschen in der Medizin [nicht] immer nur sehen, was sie zu sehen bereits gelernt haben“.[1]

Sieben Jahre später beschrieb er in der „Traumdeutung“ sein neues Verfahren zum Entziffern von Träumen. Auch beim Traum stehe man zunächst ratlos vor etwas Unverständlichem. Soll man den Traum von der Seite des Wissens interpretieren, indem man seine Bilder als Symbole deutet? Oder soll man sich dem Nichtverstehen aussetzen und die unverständlichen „einzelnen Teilstücke seines Inhalts zum Objekt der Aufmerksamkeit machen“, bis Verbindungen und Zusammenhänge sichtbar werden?[2]

Freud entschied sich für den zweiten Weg. Nicht nur bei den Träumen erwies sich dieses Vorgehen als sinnvoll, es eignete sich auch als therapeutische Technik, die 1912 den Namen „gleichschwebende Aufmerksamkeit“ erhielt:

„Sowie man nämlich seine Aufmerksamkeit absichtlich bis zu einer gewissen Höhe anspannt, beginnt man auch unter dem dargebotenen Material auszuwählen; man fixiert das eine Stück besonders scharf, eliminiert dafür ein anderes, und folgt bei dieser Auswahl seinen Erwartungen oder seinen Neigungen. Gerade dies darf man aber nicht; folgt man bei der Auswahl seinen Erwartungen, so ist man in Gefahr, niemals etwas anderes zu finden, als was man bereits weiß; folgt man seinen Neigungen, so wird man sicherlich die mögliche Wahrnehmung fälschen.“[3]

Ausdrücklich warnte Freud die Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker vor den Selbsttäuschungen und Ausweichbewegungen, die mit einer Haltung des Wissens einhergehen. Sie verführe dazu, die eigenen – angenehmen – Gedanken zu reproduzieren und die Wahrnehmung von Unangenehmem zu vermeiden. 1916 beschrieb Freud in einem Brief an Lou Andreas-Salomé die Gefahren, denen er mit seiner Vorgehensweise entgehen wollte:

„Ich weiß, dass ich mich bei der Arbeit künstlich abgeblendet habe, um alles Licht auf die eine dunkle Stelle zu sammeln, auf Zusammenhang, Harmonie, Erhebung und alles, was Sie das Symbolische heißen, verzichtete, geschreckt durch die eine Erfahrung, dass jeder solche Anspruch, jede Erwartung die Gefahr mit sich bringt, das zu Erkennende verzerrt zu sehen, wenn auch verschönert.“[4]

Freud benennt hier das Spezifische des psychoanalytischen Nichtwissens: Das bekannte Wissen soll durch diese Haltung in den Hintergrund treten, damit ein unbekanntes und anderes Wissen auftauchen kann. Der Verzicht, von dem Freud spricht, erlaubt dem Unzusammenhängenden und Dissonanten, dem Unerträglichen und Hässlichen, sichtbar zu werden.

Fast zur selben Zeit beschäftigte sich in Paris der Mathematiker und Wissenschaftstheoretiker Henri Poincaré mit ganz ähnlichen Fragen. In seinem Buch „Wissenschaft und Methode“ von 1899 ging er der Frage nach, welchen Tatsachen sich ein Mathematiker zuwenden soll, wenn er etwas Neues, bisher Unbekanntes, herausfinden möchte.

Der Mathematiker, der Entdeckungen machen will, müsse eine Wahl treffen, stellt Poincaré fest. Er stehe von einer Unmenge isolierter Tatsachen, deren Bedeutung er nicht kennt. Einige der Tatsachen sind längst bekannt, andere erscheinen seltsam und undurchdringlich. Der Wissenschaftler müsse seine Aufmerksamkeit auf dieses Durcheinander richten, bis er einen Zusammenhang entdeckt, durch den die einzelnen Tatsachen miteinander verknüpft sind.

Poincaré nennt diese verborgene Verbindung eine „neue Tatsache“, deren Bedeutung darin bestehe, bis dahin unverständliche Elemente und Details miteinander zu verknüpfen und zugänglich zu machen. Oft müsse dann sogar ein neues Wort für diesen bisher nicht sichtbaren Zusammenhang erfunden werden, das dann eine schöpferische Wirkung habe.[5]

Freud erwähnte Poincarés Forschung nirgends, aber ein anderer berühmter Psychoanalytiker, der sich mit Erkenntnis- und Methodenfragen beschäftigte, entdeckte Jahrzehnte später die Bedeutung dieses Mathematikers für die Psychoanalyse: In „Cogitations“ – einem wissenschaftlichen Tagebuch, das nach seinem Tod veröffentlicht wurde – zitierte der britische Psychoanalytiker Wilfred R. Bion 1959 Poincarés Überlegungen und brachte sie in Zusammenhang mit der „gleichschwebenden Aufmerksamkeit“: Auch der Psychoanalytiker beobachte aufmerksam „längst bekannte, aber bis dahin unsicher und befremdend erscheinenden Elemente“, bis er sie in einer Deutung – einer „neuen Tatsache“ – miteinander verbinden kann.[6]

Damit der Psychoanalytiker neue Tatsachen entdecken und Deutungen finden kann, muss er sich laut Bion jedoch in einer bestimmten psychischen Verfassung befinden.[7] Um diesen spezifischen psychischen Zustand zu erklären, griff er auf ein Konzept zurück, das von der österreichisch-britischen Psychoanalytikerin Melanie Klein stammte. Klein hatte bei Säuglingen und Kleinkindern zwei psychische Mechanismen entdeckt, die sie „paranoid-schizoide Position“ und „depressive Position“ nannte.[8] Im paranoid-schizoiden Zustand kommt es zu Verfolgungsangst und Spaltungsprozessen, in der depressiven Position lässt die Angst nach und die Spaltungen könnten integriert werden.

Bion war der Meinung, dass alle Individuen ihr Leben lang zwischen diesen beiden Positionen oszillieren, die er, um sie zu entpathologisieren, „Geduld“ und „Sicherheit“ nannte.[9]

In der „Position der Geduld“ richtet der Psychoanalytiker seine Aufmerksamkeit auf das Unbekannte in sich selbst und im Analysanden. Die Konfrontation mit dem Unbekannten ist jedoch angstauslösend und verstörend. Wenn es ihm gelingt, diesen Zustand auszuhalten, kann etwas auftauchen, das die scheinbar zusammenhangslosen und bis dahin unverständlichen Teile miteinander verbindet, ihnen Kohärenz und Bedeutung gibt. In Anlehnung an Poincaré nannte Bion dieses neue Verbindungselement „ausgewählte Tatsache“.[10] Sobald es gefunden ist, lässt die Angst nach. Der Psychoanalytiker hat die „Position der Sicherheit“ erreicht, das Unbekannte wurde integriert.

Um zu einer psychoanalytischen Deutung zu finden, die einer „ausgewählten Tatsache“ entspricht, müssen nach Bion beide Zustände durchlaufen worden sein. Es kommt zu einem Erhellungsmoment, danach befinden sich Psychoanalytiker und Analysand wieder im Unbekannten.[11]

Auch wenn die Theorien, Begriffe und Argumente Bions oft neuartig und fremd klangen, fanden sie mit der Zeit viel Anerkennung und Eingang in das psychoanalytische Allgemeinwissen. Doch dann schlug Bion einen Forschungsweg ein, der unter Psychoanalytikern bis heute umstritten ist: Auf der Suche nach weiteren Zugangswegen zum Nichtwissen in der Psychoanalyse wandte er sich Bereichen in der Kunst und in den Religionen zu, in denen das Nichtwissen eine zentrale Bedeutung hat.

Er las die Beschreibungen des Nichtwissens in der jüdischen und christlichen Mystik: Sie alle scheinen darin übereinzustimmen, dass Nichtwissen ein erstrebenswerter, aber schwer zu erlangender Zustand ist, der nur durch Erfahrung und Übung hergestellt werden kann. Geübt werden müsse eine Haltung, in der die Vergangenheit (in Form von Erinnerungen) und die Zukunft (in der Form von Hoffnungen und Sorgen) in den Hintergrund treten.

Bion übersetzte diese Thesen in psychoanalytische Terminologie und schlug eine psychoanalytische Haltung vor, die Erinnerungen und Wünsche unterdrückt, da diese die Präsenz schwächen und die Aufnahmefähigkeit verschütten würden.

Seit er 1967 „Notes on memory and desire“ veröffentlichte und „die disziplinierte Absage an Erinnerung und Wunsch“[12] in der psychoanalytischen Sitzung vorschlug, wird unter Psychoanalytikern darüber gestritten, ob dies überhaupt noch Psychoanalyse sei oder schon religiöse Praxis.

Neben den Mystikern berief sich Bion auch auf mehrere Dichter, die diesen Zustand beschrieben. Wichtig für Bion war ein Brief, den der Dichter John Keats 1817 an seine beiden Brüder schrieb:

„... und plötzlich verstand ich, welche Eigenschaft es ist, die einen Mann bedeutend macht, besonders in der Literatur, und die Shakespeare in so überaus reichem Maße besaß – ich meine die Negative Befähigung, d. h. wenn jemand fähig ist, das Ungewisse, die Mysterien, die Zweifel zu ertragen, ohne alles aufgeregte Greifen nach Fakten und Verstandesgründen.“[13]

Keats Beschreibung der „Negativen Fähigkeit“ (negative capability), die einen Menschen befähige, Ungewissheit, Mysterien und Zweifel zu ertragen, ohne mit Abwehrbewegungen zu reagieren, kommt Bions Vorstellung des Nichtwissens als psychoanalytischer Haltung vielleicht am nächsten.

Worin unterscheidet sich nun diese umstrittene Haltung Bions von Freuds „gleichschwebender Aufmerksamkeit“ – einer Position des Nichtwissens, die vermutlich von allen Psychoanalytikern anerkannt wird? Bion führte eine zusätzliche Forderung ein, die den Umgang des Psychoanalytikers mit Lust und Unlust betrifft.

Die „gleichschwebende Aufmerksamkeit“ verlangt vom Psychoanalytiker das Wahrnehmen und innere Zulassen seiner Lust- und Unlustimpulse, da diese bedeutungsvolle Hinweise auf das aktuelle psychoanalytische Geschehen geben können. Bei einer Haltung, die auf der „Unterdrückung von Erinnerung, Wunsch und Verstehen“ beruht, muss der Psychoanalytiker bereit sein, auf Lust und Unlust zu verzichten.[14] Die Aktivität seiner Lust- und Unlustimpulse würde Erinnerungen und Wünsche in ihm hervorrufen und dadurch seine Aufnahmefähigkeit beeinträchtigen. Er wäre angefüllt mit den Inhalten seiner Erinnerungen, seiner Wünsche, seines Wissens und hätte zu wenig Raum, um das Unbekannte, Ungedachte, Ungewusste aufzunehmen.[15]

Die von Bion geforderte psychoanalytische Haltung ist jedoch schwer auszuhalten, weil sie angstauslösend und schmerzhaft ist. Die Negative Fähigkeit, Unwissenheit und Unsicherheit zu ertragen, ohne sie vorschnell mit bekanntem Wissen und vertrauten Erklärungsmodellen abzuwehren, bleibt für ihn eine lebenslange Aufgabe, um Reifungsprozesse sowohl in sich selbst als auch im Analysanden zu initiieren.

„Negative Fähigkeit“ und „Nichtwissen“ sind im Unterschied zu den anderen Begriffen keine explizit psychoanalytischen Fachtermini. Negative Fähigkeit stammt aus der Literatur, Nichtwissen aus der Philosophie und der Religion. Der Begriff des Nichtwissens ist in den letzten Jahren zu einem Modebegriff geworden, der von den verschiedensten Disziplinen aufgegriffen wurde.

Poincaré hatte festgestellt, dass bei der Entdeckung neuer Tatsachen oft auch neue Wörter für diese Tatsachen gefunden werden müssen, die dann schöpferisch wirken können. Das gegenteilige Phänomen führt dazu, dass Begriffe, die einst schöpferisch waren, sich abnutzen und zu Jargon verkommen.

Die Entdeckung neuer Tatsachen geht weiter. Das Finden neuer Wörter, die diesen Tatsachen einen Namen geben und die wiederum schöpferisch wirken können, auch.

Dr. Dipl.-Psych. Martina Feurer

ist Psychologische Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin in eigener Praxis in Freiburg.

Literatur:

[1] Freud, Sigmund (1893): Charcot. GW, Bd. 1, S. 19-35, hier S. 22f.

[2] Freud, Sigmund (1900): Traumdeutung. GW, Bd. 3, S. 108.

[3] Freud, Sigmund (1912): Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung. GW, Bd. 8, S. 377.

[4] Freud, Sigmund, Andreas-Salomé, Lou (1966): Briefwechsel. Fischer: Frankfurt a. M., S. 50.

[5] Poincaré, Henri (1947): Science et méthode. Flammarion: Paris. Dt.: Wissenschaft und Methode. Xenomos: Berlin, 2003, S. 22f.

[6] Ebd., S. 24.

[7] Bion, Wilfred R.: (1992): Cogitations. Karnac Books: London, hier S. 5.

[8] Klein, Melanie (1946): Notes on some schizoid mechanisms. In: Int. J. Psycho-Anal., 27, The Institute of Psychoanalysis. London, 99-110. Dt.: Bemerkungen über einige schizoide Mechanismen. In: Gesammelte Schriften, Bd. III, fromann-holzboog: Stuttgart, 2000, S. 1 - 41, hier S. 9.

[9] Bion, Wilfred R. (1970): Attention and interpretation. Tavistock Publications: London. Dt.: Aufmerksamkeit und Deutung. edition discord: Tübingen, 2006, S. 142.

[10] Bion, Wilfred R. (1963): Elements of Psycho-Analysis. Heinemann: London. Dt.: Elemente der Psychoanalyse. Suhrkamp: Frankfurt a. M., 1992, S. 65.

[11] Bion, Wilfred R. (1990): Brazilian Lectures. Karnac Books: London. Dt.: Die brasilianischen Vorträge. Brandes & Apsel: Frankfurt a. M., 2010, S. 30.

[12] Bion 1970, S. 52.

[13] Keats, John (1958): The Letters of John Keats. Vol. I. 1814-1818. Cambridge University Press: London, S. 193. Dt.: Werke und Briefe. Reclam: Stuttgart, 1995, S. 334.

[14] Bion 1970, S. 59.

[15] Bion 1970, S. 38f.

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