Mechthild Blum: Bemerkungen zum Kriminalroman von Andreas Oberholz: Im Namen der Väter.

Ein Psychoanalytiker, eine Kriminalbeamtin. Mit diesen zwei Handlungsfiguren bestreitet Andreas Oberholz auch seinen zweiten Roman, „Im Namen der Väter“, in dem es um Schwerverbrechen geht. Beide wollen den Dingen auf den Grund gehen: Amina die Personen  ermitteln, die für den Mord an zwei türkischen Männern verantwortlich sind, Adrian den Seelenzustand der Frau, die aus ihrer von den Eltern gestifteten Ehe mit einem Mann geflohen ist, der sie verachtet, vernachlässigt, geschlagen und sich mit andern Frauen vergnügt hat.

Ebenfalls spielen mit: Söhne. Der jugendliche Max aus deutscher Familie, der bei allem Wohlstand an der Scheinwelt einer heilen Familie verzweifelt. Der etwa gleichaltrige Nuri, Sohn einer Familie aus der Türkei, der von seinem Vater nicht geschätzt wird. Der junge, bei Frauen erfolglose Sven mit Neurodermitis geschlagen, der noch bei seiner Mutter lebt, weil sein Vater die Familie verließ und sich auch dem Kontakt mit dem Sohn entzieht. Männer, die vom Verfassungsschutz angeworben wurden und eine undurchsichtige Rolle im rechten Milieu wie in den Zellen islamistischer Extremisten spielen. Polizisten, die ohne Wissen der Kollegen Undercover eingesetzt werden. Verfassungsschützer, die sich nicht in die Karten schauen lassen . .

Oberholz will viel erzählen: Über die Innereien türkischer Milieus, in denen Frauen Verhandlungsmasse zur Wahrung der Familienehre sind, über die bis hin zur Tötung verfügt werden kann, über die schweigende Rolle der Frau, deren Jungfräulichkeit und den von den Kindern geforderten unbedingten Gehorsam. Über die Strukturen rechtsextremer Gruppierungen à la NSU.  Über die Anwerbestrategien islamistischer Prediger und die Gründe für die Wirkung ihrer Verführungskünste. Über Sport wie Taekwondo und Aikido. Über die sich versagenden, „fehlenden“ Väter bei der Erziehung der Söhne. Über das Wesen psychoanalytischer Arbeit. Und über das Begehren zwischen Männern und Männern und Männern und Frauen. 

Für einen spannenden Kriminalroman ist das,  so wie Oberholz mit diesen Themen umgeht, zu viel.

Man hat immer wieder den Eindruck, über die Dialoge aufklärerischen Exkursen über die Gründe Jugendlicher zu folgen, die ihr familiäres Umfeld verlassen und hasserfüllt nahezu folgerichtig in gewalttätige Organisationen fliehen. Diese Funktion übernehmen nahezu ausschließlich, fast wie vom Papier gelesen mit möglichst viel dazugehöriger Information die mit den Kriminalfällen befassten Polizisten – politisch korrekt, versteht sich – einschließlich ihrer Leiterin Amina.

Und dem Psychoanalytiker Adrian, dessen Eltern bei einem Flugzeugunglück ums Leben kamen, gelingt es entgegen der bekannten Mühen eines psychoanalytischen Prozesses fast umstandslos von den beklagten Kopfschmerzen der jungen Ehefrau Esin aus türkischer Familie, die vom Hausarzt an ihn vermittelt wurde („es könnte psychisch sein“), schon im Erstgespräch die Grundzüge ihrer Problematik zu entlocken. Als von den Eltern wegen des neugeborenen behinderten Sohnes zusammen mit ihrem gesunden Bruder ehemals von Deutschland in die Türkei bei den unbekannten und abweisenden Großeltern abgegebenes Kind. Und von ihrer gegenwärtigen Lage zu erzählen. Esin: „Ich habe Schande über meine Familie gebracht. Ich bin eine Schlampe. Das sagen sie jedenfalls über mich. (. . . ) Meine Familie. Alle. Ich bin schuld daran, dass meine Familie entehrt ist.“ Er erklärt ihr, dass er unter Schweigepflicht stehe und es manchmal helfe es zu reden. Im nächsten Moment fragt sie auch schon: „Wo soll ich anfangen?“. Dass Adrian ziemlich schnell den von der psychoanalytischen Behandlungsmethode geforderten Weg der Enthaltsamkeit verlässt und Partei ergreift, selbst als die Klientin ihm gesteht, den Mord an einem der beiden Männer begangen zu haben, gibt Oberholz die Möglichkeit, sogar noch die Funktion einer Supervision zu schildern. 

Der zweite Exkurs, der These von den Lebenskrisen, die Radikalisierungen vorausgehen, wird an Esins Bruder Nuri exemplifiziert. Der kriegt es nicht fertig, auf Befehl seines Vaters  einen sogenannten Ehrenmord an seiner Schwester zu begehen. Als Versager geächtet sucht er Halt in der Moschee. Und an Max, der dem ihm bekannten Devran („Nicht fragen, glauben“) in die Islamistenszene folgt. So wie Sven einem Claus-Jürgen in den Rechtsextremismus. Oberholz: „Je unbedeutender sie sich fühlen, umso eher unterwerfen sie sich einem Führer oder einem autoritären System.“

Der dritte Exkurs über das Begehren nimmt dann konkrete, leider meist abgenützten Bildvorlagen folgende Formen an: „Ihr Atem beschleunigte sich wieder, und der Schweiß auf ihrem Körper strömte in eins mit der Feuchtigkeit in ihrem Schoß, der sich nach Einssein sehnte.“ Und den      Begierden, „die sich zu Riesenwellen auftürmen“, dem „rauschhaftem Tanz“ zweier Körper, werden Veranda, Abendsonne, Rioja, Miles Davis, Lammfilet mit Olivenöl, Rosmarin und Knoblauch und  Grappa hinzugefügt.

Oberholz hätte mehrere Romane aus dem Stoff zimmern können, den er auf etwas mehr als 200 Seiten notgedrungen holzschnittartig miteinander verschränkt. Oder einen langen großen, bei dem den einzelnen Figuren mehr Raum gegeben wird, sich zu entfalten. Dass er das kann, beweist er mit  Kader Dursun, Esins Mutter. Bei ihr gelingt es ihm mit der vergleichsweise intensiven Beschreibung ihrer Gedanken, ihrer Tagträume, ihrer selbstbefragenden Reflexionen und des Umgangs mit dem behinderten Sohn sie literarisch zur emotional nachvollziehbaren Figur werden zu lassen. Auch seinem Anliegen, der psychischen Auswirkungen „abwesender“ Väter, hätte eine detailliertere literarische Aufmerksamkeit für die Psyche der Söhne gut getan, damit der Plot nicht wie ein Vehikel für die Abhandlung seiner umfangreichen Kenntnisse daherkommt. Dieser hier ist weder der Spannung, die ein Kriminalroman haben sollte, dienlich noch dem Vermitteln psychoanalytischer Essentials zuträglich. Oder um es mir Goethes Tasso zu sagen: So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt.

Buch: Andreas Oberholz. Im Namen der Väter. Kriminalroman. Brandes & Apsel 2018. 208 Seiten, 19,90 Euro

Autor: Andreas Oberholz, geboren 1961, schreibt und arbeitet als Psychotherapeut in Süddeutschland. „Im Namen der Väter“ ist sein zweiter Kriminalroman. Sein erster erschien 2015 unter dem Titel „Hinter dem Schatten – Seelenmord“. Ebenfalls bei Brandes & Apsel.

Mechthild Blum: Journalistin, Freiburg

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