Rita Marx: Adoption durch gleichgeschlechtliche Eltern. Versuch einer Annäherung an überflüssige und notwendige Problemfokussierungen

Als 2012 in Frankreich die so genannte Homo-Ehe und das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare eingeführt werden sollte, gab es landesweit große Proteste. Auch in Deutschland wird spätestens seit dem Gesetz über die eingetragenen Lebenspartnerschaften und der bestehenden Möglichkeit zur Partnerschaftsadoption immer wieder darüber diskutiert, ob nicht auch gleichgeschlechtliche Paare berechtigt sein sollten, Kinder zu adoptieren. Die Wogen schlagen bei diesem Thema relativ hoch.

Fragt man sich: Warum?, liegt die Antwort, es ginge um Homophobie, relativ nah. Dort, wo behauptet wird, es ginge um das Wohl des Kindes, scheint es notwendig, vorliegende empirische Befunde zur Kenntnis zu nehmen und gegebenenfalls weitere Studien durchzuführen (vgl. z.B. Yanan/ Siles 2009). Dies gilt auch für Psychoanalytiker, die in ihrer alltäglichen klinischen Praxis mit Menschen konfrontiert sind, die in neuen Familienformen aufgewachsen sind oder in solchen leben.

Als Hochschullehrerin bilde ich Sozialpädagogen für professionelles Handeln mit und in Familien aus. In deren praktischer Tätigkeit geht es um Scheidung, um Kindeswohl und Kindeswohlgefährdung, um Pflegefamilien und auch um Adoptionsvermittlung. Hier beschäftigen uns schon lange Fragen nach psychosozialen und innerpsychischen Bedingungen unter denen Kinder in den verschiedenen Familienformen aufwachsen. Einzelfallstudien haben uns dazu einige Einblicke gewährt. Die Binnenstruktur der familiären Beziehungen und die Beziehungsgestaltung zu betrachten, ist dabei wichtiger, als die diversen Familienformen zu typisieren oder gar zu pathologisieren. Kindeswohlgefährdung findet sich jedenfalls in allen Familienformen (gehäuft bei Alleinerziehenden), und dass auch in den so genannten Kernfamilien Machtmissbrauch der Kinder durch die Eltern, Verleugnung, Verschweigen, narzisstische Projektionen oder Parentifizierung vorkommen, wissen wir spätestens seit den Studien von H.E. Richter.

Mit dem Brüchig-Werden des Kernfamilienmodells von Vater, Mutter, Kind(er) (Zu statistischen Trend sowie zu den aktuellen Zahlen vgl. Opens external link in new windowhttps://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/HaushalteFamilien/HaushalteFamilien.html ; deutlich wird hier allerdings auch, dass die Zahl der Familien mit gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaft der Eltern insgesamt, wenngleich zunehmend so doch marginal ist (weniger als 0.5 Prozent)), in dessen Kontext Freud den Familienroman des Neurotikers ansiedelt, in dem er die Entstehung der infantilen Sexualphantasien entfaltet und in dem wir gewohnt sind, unsere psychodynamischen Theorien über konflikthafte psychosexuelle Entwicklung zu situieren, stellt sich die Frage, ob und wenn ja, wie, die verschiedenen Familienmodelle die innerpsychische Realität und die psychische Entwicklung, die Neurosenentwicklung, unser Bild von Weiblich/Männlich, vom vereinten Elternpaar und dem ausgeschlossenen Dritten, vom ödipalen Konflikt beeinflussen (könnten). Es fragt sich auch, ob wir angesichts der Pluralisierung und zunehmenden Diversifikation von Familienformen generell unsere Kategorien und Konzepte überdenken oder sogar neu fassen müssten. In jedem Fall scheint es notwendig, dass wir uns einen innerpsychischen Raum für Denken öffnen, der die Heteronormativität, die unserem Denken zugrunde liegt, überschreitet. Des Weiteren sollte innerhalb des fachpolitischen Diskurses auch ein äußerer diskursiver Raum eröffnet werden.

Adoption

Zu einer Adoption kommt es in der Regel, wenn Paare nicht in der Lage sind, ein Kind auf der Grundlage einer körperlichen Vereinigung zu bekommen. Besteht der Wunsch nach einem "eigenem Kind", so ist eine legale Möglichkeit (Illegal ist die Bestellung einer Leihmutter, oder die anonyme Samenspende), diesen zu realisieren, stellen die Eltern beim zuständigen Jugendamt einen Antrag auf Adoption eines minderjährigen Kindes. Eine so genannte Fremdadoption ist bisher nur verheirateten Paaren möglich.

Ein soziologischer Diskussionsstrang wirft einen strukturell erhellenden Blick auf Adoption und kann meines Erachtens einen Hinweis geben, in welche Richtung auch Psychoanalytiker blicken müssten, wenn sie eine innere Haltung dazu gewinnen wollen, dass das auf heterosexueller Partnerschaft beruhende Familienmodell der Kernfamilie zunehmend durch alternative Familienformen ergänzt wird. Elternschaft und Familie entsteht im Normalfall aus der verwandtschaftlichen Verbundenheit von Eltern und Kind. Dieses so genannte Filiationsprinzip, die biologisch genetische Verbundenheit zweier Generationen, wurde von dem Soziologen Rene König (vgl. 1946: 66) als die ‚biologisch-soziale Doppelnatur’ von Familie bezeichnet.

Adoptivfamilien stellen insofern eine alternative Familienform dar, als sie das, was im westlichen Kulturkreis seit einigen Jahrhunderten als Familie galt, erweitern, denn Familie konstituiert sich unter den Bedingungen von Adoption nicht durch den biologischen Zeugungsakt.

Christa Hoffmann-Riem (1998) ist in einer Studie zur Adoption der Frage nachgegangen, wie der nicht biologisch begründete Konstitutionsprozess von Familien verläuft und wie von den Beteiligten mit dem Faktum der von ihr so genannten doppelten Elternschaft umgegangen wird. Für Kinder in Adoptivfamilien existieren gleichzeitig immer sowohl biologische als auch soziale Eltern. Für alle Beteiligten besteht nun die Aufgabe, die Tatsache der doppelten Elternschaft in ihr (Familien-)Leben und in ihre Identität zu integrieren. Hoffmann-Riem unterscheidet dabei zwei grundlegend verschiedene Umgangsweisen mit der Tatsache der Adoption: die eine nennt sie „Normalisierung-als-ob“ (vgl. Helen Deutsch – die Als-Ob- Persönlichkeit) und die andere “Normalisierung-eigener-Art“.

In der - auf qualitative Interviews gestützten phänomennahen Beschreibung - wird deutlich, dass Eltern, die den Familienbildungsprozess nach dem Muster der „Normalisierung-eigener-Art“ gestalten, die Tatsache der Adoption weder vertuschen, verschweigen oder verleugnen, sondern dass sie – wenn sie gefragt werden – diese erklären, informieren und die Adoption ihnen psychisch präsent ist.

Adoptivfamilien, die die Differenz gegenüber der so genannten Kernfamilie anerkennen, sind quasi gezwungen, Authentizität, Empathie, und reflexive Kommunikationsformen zu entwickeln. Hoffmann-Riem weist – für eine Soziologin durchaus bemerkenswert - darauf hin, dass jenseits der Strukturierung der Informationen nach außen mit der Adoption auch Probleme verbunden sind, die auf einer tieferen Schicht liegen. Dazu gehört ihrer Meinung nach die Frage, „welche Relevanz im Leben des Kindes den leiblichen Eltern verbleibt“ (Hoffmann-Riem 1998:219). Eltern, die innerlich an der „Negierung der Existenz der leiblichen Eltern arbeiten, unterhöhlen das Fundament, auf dem ihre Beziehung zum Adoptivkind steht: die Nichtexistenz der leiblichen Eltern wird bezahlt mit dem Preis des Bruchs gegenüber dem Kind“ (Hoffmann-Riem 1998:220).

Die Adoptionsvermittlungspraxis ist auch aus diesem Grund zunehmend von der verdeckten zur halboffenen oder auch zur offenen Adoption übergegangen. Adoptionseltern werden in diesem Sinne beraten.

Wenn es hier nun um die Frage geht, ob es für homosexuelle Paare möglich sein sollte, Kinder zu adoptieren, so kann man zunächst erst einmal eines festhalten: in diesen Familien wird es nicht möglich sein, eine Normalisierung-als-ob zu leben. Es ist alle Mal evident, dass weder zwei Mütter noch zwei Väter gemeinsam die biologischen Eltern des Kindes sein können. Sie sind die sozialen Eltern. Und das ist eine wichtige Klarheit. Diese Klarheit – so Hoffmann-Riem – ist sowohl für die Eltern (gemeint sind die sozialen) als auch für die Kinder von Bedeutung. Sie zeigt, dass „wenn Adoptiveltern der Rivalität um die doppelte Elternschaft durch Verschweigen der leiblichen Eltern aus dem Weg zu gehen suchen, nehmen sie in Kauf, dass das Kind dem Eindruck der Täuschung erliegt; denn es wird sich selbst – den Selbstverständlichkeiten dieser Gesellschaft entsprechend – als leibliches Kind einordnen und seine Ich-Identität im ungebrochenen Vertrauen in die familiale Zugehörigkeit aufbauen“ (Hoffmann-Riem 1998: 219).

Eine Adoption durch Lesben oder Schwule erzwingt quasi eine ‚Normalisierung eigener Art’ und einen offenen Umgang mit der Adoption, da die doppelte Elternschaft permanent präsent ist. Sie kann als Tatsache nicht negiert werden, aber sie kann dennoch in seiner Bedeutung verleugnet werden. In jedem Fall jedoch muss mit ihr kommunikativ umgegangen werden. Die biologischen Eltern können schwerlich ganz aus dem Familienleben exkludiert werden. Sie sind tendenziell auch für die Kinder mental präsent.

In einer Einzelfallstudie berichtet ein schwuler Pflegevater, der mit seinem Partner ein Kind seit dessen 4. Lebenswoche in Dauerpflege hat, wie er versucht, damit umzugehen, was und wie er seinem Kind sagen kann und muss. Dabei wird auch sein eigenes Ringen deutlich seine Rolle eines schwulen Pflegevaters und eines schwulen Elternpaars zu finden.

„Und wir haben uns natürlich irgendwie Gedanken gemacht, wie geht man damit um, wie erzählt man das, wie ist die Situation? Und ich war mir da auch immer nicht ganz sicher und hab dann letztendlich mich da tatsächlich von der Frau im Jugendamt (beraten lassen) und auch was so gelesen. Ich fühle mich jetzt ganz wohl damit, dass man natürlich wissen muss, was man den Kindern erzählt, aber dass man eigentlich immer nur so viel erzählen sollte, wie sie fragen. Und dass sie dann auf die Fragen, die sie stellen, die können sie verstehen und wenn sie die Fragen dann richtig beantwortet kriegen und keinen Blödsinn erzählt kriegen, dann, glaube ich, ist das der beste Weg. Und so handhaben wir das jetzt halt im Moment. Also es kam jetzt irgendwann so ein Thema irgendwie, wo die Babys herkommen und das geht dann jetzt so langsam los, dann wird ihm natürlich auch mal klar, dass wir nicht die Babys kriegen können, aber es war auch noch nicht an dem Punkt halt irgendwie.“ (Interview M., Zeile 683 ff.).

Studien

Es liegen eine Reihe entwicklungspsychologischer und sozialpsychologischer Studien über die Entwicklung von Kindern in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und über die Lebenssituation dieser Familien vor. Diese stammen größtenteils aus dem us-amerikanischem Raum, einige aus Australien und Schweden und neuerdings auch aus Deutschland. Unter methodologischen Gesichtspunkten weisen diese Studien unterschiedliche Ansätze und Qualität auf. Es handelt sich zum einen um Studien mit begrenzten Fragestellungen (z.B. Kontakt der Kinder zu beiden Elternteilen nach Trennung der gleichgeschlechtlichen Eltern), um (klinische) Fallstudien, um Studien, die aktuelle Situationen von Kindern betreffen, aber auch um Longitudinalstudien und Metaanalysen. Es werden neben der alltäglichen Lebenspraxis wie Arbeitsteilung, Erziehungshaltung, Erfahrung mit Institutionen und mit Diskriminierung, die sozial-emotionale Stabilität der Kinder, deren Schulerfolg und Schullaufbahn, das Selbstkonzept, Stigmatisierungserfahrungen und damit verbundene Copingstrategien sowie die Entwicklung der Geschlechtsidentität und der Geschlechtspartnerorientierung untersucht.

In der Zeitschrift Pediatrics werden die Befunde einer Longitudinalstudie, in der Kinder, die in lesbischen Familien aufgewachsen sind, und die von der Geburt bis zur Adoleszenz begleitet wurden, dargestellt: „Die Adoleszenten zeigten einen höheren Grad sozialer/akademischer und allgemeiner Kompetenz als amerikanische Teenager aus gemischt geschlechtlichen Stichproben“ (Gartrell/Boss 2010: 33 Ubers.: Redaktion der Online Zeitung) und weiter: „Diese Adoleszenten waren gut angepasst, zeigten mehr Fähigkeiten und weniger Verhaltensauffälligkeiten als der Durchschnitt der Population Gleichaltriger in Amerika“ (Die Jugendlichen) (ebd.; Übersetzung Redaktion der Online - Zeitung).

Weiter wurde ein niedriger Level externalisierender Verhaltensprobleme bei den Kindern aus lesbischen Familien festgestellt. Die adoleszenten Jungen waren weniger häufig in delinquente Delikte involviert. Zur Stigmatisierung aufgrund homophober Reaktionen der Umwelt kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass diejenigen Kinder aus lesbischen Familien, die solchen Stigmatisierungen ausgeliefert waren, von ihren Müttern bereits für dieses Problem sensibilisiert worden waren. Selbst nach der Trennung der Eltern gab es bei diesen Kindern weniger Probleme, als sie bei Scheidungskindern aus heterosexuellen Familien beobachtet werden können (Auch wenn es sich um eine nicht zufällige Stichprobe handelt, da die Mutter sich schon vor der Geburt des Kindes erschlossen, an der Studie teilzunehmen und sich daher offenbar sehr viel mehr reflexiv und selbstreflexiv mit den Fragen von Erziehung auseinandergesetzt haben, zeigen diese Befunde Chancen gleichgeschlechtlicher Elternschaft auf).

Eine der wenigen Studien, die sich vergleichend mit heterosexuellen und homosexuellen Familien beschäftigt, wurde im August 2013 im Journal ’Child Psychologie’ veröffentlicht. Sie untersucht schwerpunktmäßig die Gestaltung des so genannten Coparenting, was im Sinne einer Zusammenarbeit der Eltern bei der Erziehung verstanden werden kann, und kommt unter anderem zu dem Ergebnis, dass eine Voraussage von kindlichen Verhaltensproblemen am ehesten dort beobachtet werden könne, wo Konkurrenz zwischen Eltern und Unzufriedenheit mit der Arbeitsteilung vorherrscht; dies stand jedoch nicht im Zusammenhang mit der sexuellen Orientierung der Eltern (vgl. Ferr /Patterson 2013).

Eine vom bayrischen Staatsinstitut im Auftrag des Justizministerium durchgeführt repräsentativen Studie, kommt zu folgenden Ergebnissen bezüglich der Kinder, die bei gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen: “Es finden sich keine Anhaltspunkte für eine erhöhte Neigung zur Depression – ganz im Gegenteil: Die Kinder entwickeln sich partiell sogar besser als Kinder aus anderen Familien, … zeigen ein nachweislich höheres Selbstwertgefühl und mehr Autonomie in der Beziehung zu beiden Elternteilen als Gleichaltrige in anderen Familienformen. In der Bewältigung altersspezifischer Entwicklungsaufgaben wie im Umgang mit Freundschaften und intimen Beziehungen, in der Loslösung von den Eltern, der Einschätzung der eigenen Person, im Umgang mit körperlichen Veränderungen und in der Formulierung zukünftiger Ziele stehen sie ihren Altersgenossen aus anderen Familienformen nicht nach“ (Rupp 2009).

In der Tendenz kommen alle Studien zu ähnlich Ergebnissen, dass nämlich Kinder, die bei gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen, sowohl was die schulischen Leistungen als auch was Verhaltensprobleme betrifft, nicht problematischer sind, sondern im Gegenteil eher weniger Probleme haben, als Kinder die bei heterosexuellen Eltern aufwachsen. Noch ein Zitat aus einer Metaanalyse von Studien der Society for Psychological Study of Social Issues: „Studien zeigen, dass Kinder gleichgeschlechtlicher Paare sich nicht von Kindern unterscheiden, die von heterosexuellen Paaren groß gezogen werden. ( zum Beispiel bezüglich der Schulnoten…kognitiver und körperlicher Fähigkeiten und bezüglich ihres Selbstkonzepts)”.

Alle bisher vorliegenden Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche, die mit gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen, sich in Hinblick auf ihre seelische Gesundheit, in der Entwicklung ihrer Geschlechtsidentität und in ihrer Geschlechtspartnerorientierung nicht von jenen unterscheiden, die mit heterosexuellen Eltern aufwachsen, und sie machen damit deutlich, worüber man nicht diskutieren muss.

Ich möchte die These vertreten, dass die Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare für Kinder nicht mehr und nicht weniger schwierig ist, als die Adoption durch heterosexuelle Paare. Sie enthält jedoch in dieser Fokussierung einen ‚merkwürdigen’ Bias, der in der Gefahr steht, homosexuelle Elternschaft zu pathologisieren und den Blick auf die weit wichtigeren Fragen nach den Bedingungen der Möglichkeit eines stabilen und entwicklungsförderlichen Familienlebens zu verstellen.

Aufwachsen in neuen Familienformen

Der spezifische Beitrag, den Psychoanalytiker in der Diskussion um neue Familienformen liefern können, liegt darin, dass sie auf einige mögliche Stolpersteine aufmerksam machen, die mit der Tatsache der doppelten Elternschaft verbunden sind. Doppelte Elternschaft, das Nebeneinander von biologischer und sozialer Elternschaft, kommt bei allen neuen, alternativen Familienformen vor; sei es dass sie durch Adoption, durch Pflegschaft, durch Trennung und Scheidung oder durch reproduktionsmedizinische Assistenz entstanden sind; dazu gehören dann u.a. auch Fragen nach einem Familienleben mit gleichgeschlechtlichen Eltern. Auch in so genannten ‚Patchworkfamilien’ gibt es nebeneinander multiple Formen von Elternschaft: die biologisch-soziale Mutter des einen Kindes ist ‚nur’ die soziale Mutter des Kindes des Partners, der seinerseits der soziale Vater des Kindes der Partnerin ist; und außerhalb dieses Familienverbundes existiert für das Kind der biologische Vater, der seinerseits möglicherweise eine Partnerin hat, die ebenfalls elterliche soziale Funktionen übernimmt.

Ich komme jetzt auf eine Familienform, die sowohl bei lesbischen als auch bei heterosexuellen Paaren vorkommt; die in der sozialwissenschaftlichen Theorie so genannte ‚technologisch fragmentierte Elternschaft’, die teilweise unter medizinischer Assistenz entsteht, wie etwa bei der heterogen Insemination (vgl. Hoffmann-Riem 1999). Statistisch nimmt die Zahl heterologer Insemination immer mehr zu. Heterologe Insemination ist in Deutschland nur für Ehepaare rechtlich möglich und auch nur, wenn der Spender bekannt ist. Dennoch gibt es - sowohl was heterosexuelle Paare als auch was lesbische Paare betrifft - eine zunehmende Anzahl von Kindern, die durch anonyme Samenspende ‚entstanden’ sind. (Auf Eizellspende und Leihmutterschaft gehe ich nicht ein). Das Leid dieser Kinder erahnt man auf der Internetseite: www.spenderkinder.de. Die vielen Fälle, wo Kinder/Jugendliche irgendwann feststellen, dass sie nicht das leibliche Kind (in der Regel des Vaters) ihrer Eltern sind, zeigen die damit verbundenen Ängste, ins Leere laufenden Phantasien und Identitätsprobleme, die Spaltung und die drohende Depression.

„Ich fühle mich betrogen. Das hat auch was mit Respekt zu tun, es seinem Kind zu sagen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich ein Kind habe und dem Kind 25 Jahre so etwas Wichtiges nicht sagen würde. Ich habe ihnen nie zugetraut, dass sie so etwas Wichtiges verschweigen und das ist traurig, weil ich das Gefühl habe, dass ich sie verloren habe … Ich musste mich daran erinnern, dass ich der gleiche Mensch bin wie vorher, dass sich für mich außer diesem Wissen überhaupt nichts geändert hat.“

„Ich habe mich wirklich im Spiegel beobachtet und mir überlegt, was habe ich von meiner Mutter, was könnte von ihm sein, wie wird er aussehen, was würde er denken, wenn er mich sieht, würde er denken, aha interessant, oder wäre er doch ein bisschen froh, dass er eine Tochter hat…. Ich weiß, dass ich keine Möglichkeit habe, ihn zu finden und das finde ich traurig. Aber ich habe die Gabe, dass wenn ich merke, es beunruhigt mich zu sehr, dass ich dies ausblenden kann“

’Normalisierung eigener Art’

Ich komme zurück auf den von der Soziologie eröffneten Diskurs und versuche einige Gedanken dazu zu formulieren, was denn eine ‚Normalisierung eigener Art’ jenseits der sozialen Akzeptanz und der Notwendigkeit, die Realität reflexiv, und kommunikativ zu verarbeiten, bedeuten könnte. Dabei gehe ich nicht nur auf Adoption und gleichgeschlechtliche Eltern ein.

Eine wichtige Antwort gibt m. J. Herzog auf der Basis zweier Analysen mit Kindern gleichgeschlechtlicher Eltern, über die er 2009 im International Journal berichtet. Seine Frage ist zunächst, wie triadische Realität bei gleichgeschlechtlichen Eltern entstehen kann, denn – so Herzog - die Selbststruktur bildet sich aus Selbst mit Mutter, Selbst mit Vater und Selbst mit Mutter und Vater zusammen. Auch wenn eine solche triadische Realität nicht die äußere Realität träfe, so seien Kinder einfallsreich darin, sich an ihre Umwelt anzupassen. Unter Verweis auf Anna Freud, die beschreibt, dass Kinder, die im Krieg ohne Vater aufwuchsen, sich Ersatzpersonen suchten, macht Herzog deutlich, dass Kinder eigene Hypothesen und Vorstellungen über ihre Entstehung entwickeln. Sie finden einen Weg, das fehlende Männliche oder Weibliche in biologischen Dingen zu entdecken; etwa im Geruch oder im Aussehen. Herzog kommt zu dem Schluss, dass für Kinder Narrationen notwendig sind, um ihren Beziehungen (zu und mit den Eltern und der Eltern untereinander und zum nicht vorhandenen biologischen Elternteil) Bedeutungen zu geben und um ihre eigenen Gefühle entsprechend zu organisieren. Solche Narrationen können spielerisch (etwa in Analysen) aber auch verbal erklärend und interpretierend sein. (die besondere omnipotent narzisstische Phantasie, der Mütter von Herzogs Pat., die beide an der Geburt beteiligt waren, kann hier nicht berücksichtigt werden).

Ausgangspunkt aller Narrationen über die eigene Herkunft sind Phantasien der Kinder über Geschlechtsunterschiede, über die sie schon sehr früh und teilweise stereotyp verfügen. Wenn Herzog anmerkt, dass es für Kinder homosexueller Eltern hilfreich und sinnvoll ist, wenn Eltern mit ihnen gemeinsam die Geschichte ihrer Herkunft und der elterlichen Beziehung ‚erzählen’, dann benennt er damit etwas, was lt. div. Studien gleichgeschlechtliche Eltern übrigens in aller Regel tun.

Die besondere Bedeutung der biologischen Eltern resp. des biologischen Elternteils besteht auch für Kinder, die von heterosexuellen Eltern adoptiert wurden und – wie erwähnt – auch für Kinder, die durch heterologe Insemination gezeugt wurden. Darüber besteht m. E. ein Aufklärungsbedarf, da die Zahl von Eltern, die auf heterologe Insemination zurückgreifen, zunimmt.

Auch wenn heterosexuelle Eltern dem Kind entweder die Tatsache der Adoption oder die der heterologen Insemination verschweigen, bestimmt dies unbewusst deren Umgang mit dem Kind mit. An einzelnen Fällen, wie sie etwa auf der schon genannten Website der Spenderkinder auftauchen, wird deutlich, dass Kinder das auch wahrnehmen und sich damit unbewusst auseinandersetzen („mit meinem Vater hatte ich immer ein komisches Verhältnis. Er war mir immer fremd“).

Auch Eltern, deren Kinder mit reproduktionsmedizinischer Assistenz gezeugt wurden, entwickeln ein ‚nicht natürliches’ Verhältnis zu ihren Kindern. So stellte eine Mutter ihr in-vitro gezeugtes Kind im Rahmen einer Einzelfallstudie der Interviewerin mit dem Kommentar vor: ‚Da sehen Sie das Produkt’. Eine solche Formulierung lässt – bei aller ‚besonderen Liebe’, die Eltern für ihr mit soviel Mühe bekommenes Kind bekunden, - die Frage nach der Bedeutung des technischen Umgangs mit der Zeugung aufkommen. Auch Überbehütung und narzisstische Projektionen auf dieses ‚so besondere Kind’ finden sich in Einzelfällen und lassen die Frage virulent werden, wie hier eine Normalisierung eigener Art gelingen könnte.

Eine besondere Aufmerksamkeit kann sowohl bei gleichgeschlechtlichen Eltern als auch bei Alleinerziehenden auf den Aspekt der Entwicklung der Geschlechterdifferenz gerichtet werden. Auch wenn die Studien über same sex parenting sagen, dass die Entwicklung der Geschlechtsidentität ‚gelingt’, so bleibt doch die Frage nach dem Wie. Was etwa bedeutet es z.B., wenn Männer ‚muttern’ (Chodorow)?, so wie der oben bereits zitierte Pflegevater es tut:

„(Ich habe) bei uns … eher vielleicht dieses, nennen wir das mal Weibliche. Irgendwie schnell auf den Arm und schmusen, dann noch mal ein Ohr haben und abends noch mal ans Bett gehen und hören, was ist denn jetzt eigentlich losgewesen? … Und wenn sie, wenn es so ist, wenn es so ist, sie nachts kommen und wir sind auch beide da, die kommen halt immer zu mir dann eben.“ (Interview M.: 13).

Nimmt man Stollers (vgl. 1968) Unterscheidung von Kerngeschlechtsidentität, Geschlechtsrolle und Geschlechtsidentität auf, so scheinen Kerngeschlechtsidentität und Geschlechtsrolle am ehesten unproblematisch. Dies insofern, als Kerngeschlechtsidentität als etwas angenommen wird, was quasi dem Menschen inhärent ist. Die Geschlechtsrolle wird in der Interaktion mit der Außenwelt erworben und ist durch Erwartungen geprägt, die mit spezifischen biologischen Geschlechtsmerkmalen verbunden sind. Geschlechtsidentität setzt voraus, dass eine Selbstattribuierung stattgefunden hat, die mehr ist, als die Ausfüllung der Geschlechtsrolle entsprechend der Anatomie, sondern eine innere Auseinandersetzung mit den bewussten und unbewussten Erwartungen Anderer (Primärobjekt/Objekte), mit dem Gleich-Sein und Anders-Sein, mit dem Trieberleben und mit der homo- resp. heterosexuellen Objektwahl. Die Familienformen scheinen bei der Herausbildung eher keine Rolle zu spielen. Aber – und in diese Richtung weisen etliche Studien – Eltern (gleichgeschlechtliche wie alleinerziehende) müssen (und können es im Prinzip u. a. aufgrund der den Ödipuskomplex bestimmenden Bisexualität auch) das andere Geschlecht, den ausgeschlossenen Dritten mit repräsentieren und damit für kindliche Triebregungen und Phantasien und deren unbewusstes Wissen z. B. über die Urszene einen Möglichkeitsraum eröffnen.

Mit einer Anerkennung des Andersseins der sog. alternativen Familienformen muss die Anerkennung der mit der Zeugung verbundenen Notwendigkeit von zwei Geschlechtern einhergehen. Ich zitiere dazu Reiche: „In der unbewussten Phantasie, die dem Orgasmus seine einzigartige Macht verleiht und deren Erneuerung in jedem sexuellen Erlebnis gesucht wird, sind die vereinten Eltern und ist darum das heterosexuelle Paar enthalten – bei Heterosexuellen wie bei Homosexuellen“ (2001:300). Wenn Eltern, diese Phantasie bei sich anerkennen und nicht abwehren, oder verleugnen müssen, so liegt darin eine Chance, dass sie für ihre Kinder die Narration ihrer Herkunft so entwickeln können, dass diese ihren Beziehungen und Gefühlen – wie Herzog es sagt – Bedeutung geben können und dass sie für ihre Phantasien und Triebe ein Objekt finden (oder in einer anderen Terminologie: dass die Präkonzeption des vereinten Elternpaares innerseelisch Bedeutung gewinnen und konzeptualisiert werden kann).

Als Psychoanalytiker können wir unsere Erfahrungen und unser Wissen zur Verfügung stellen, indem wir auf die Bedeutung und Wirkmächtigkeit kindlicher Phantasien und Fragen zu Sexualität und Zeugung hinweisen, indem wir auf mögliche Folgen von Verschweigen, Verleugnung, Abspaltung, Negierung des anderen Geschlechts oder Bagatellisierung des Biologischen und der genetischen Verbundenheit hinweisen. Und indem wir – wie Herzog es vorschlägt – den Kindern helfen (und die Eltern dazu ermutigen) eine bedeutungsvolle Geschichte ihrer selbst zu finden (create); Kinder in dem zu unterstützen, was Herzogs kleine Patientin aktiv getan hat: „Curiously, she actively works on ways to enliven, to resurrect, to construct and to reconstruct such a (father, R.M.) representation. Notwendig ist es aber wohl zuallererst, dass in fachlichen Arbeitsgruppen klinische Fälle zur Verfügung gestellt und mit weitestgehender Offenheit und Erkenntnisfreude gegenüber unterschiedlichsten Lebensformen ebenso wie gegenüber bestehenden theoretischen Konzepten diskutiert werden.

Literatur

  • Ferr, Rachel H./Patterson, Charlotte J. (2013). Coparenting Among Lesbian, Gay, and Heterosexual Couplet: Associations Whith Adopted Children’s Outcomes. In: Child Development, July/August 2013, Volume 84, Number 4, Pages 1226 – 1240. 
  • Gartrell, Nanette/Boss, Henny (2010): US National Longitudinal Lesbian Family Study: Psychological Adjustment of 17-Year-Old Adolescents. In: Pediatrics. Offical Journal of the American Academic Pediatrics. 126, 28 – 36. 
  • Herzog, James, M.(2009): The Analyst at Work: Triadic Reality, same Sex Parents and Child Analysis: A Respose to Ann Smolenn’s ‘Boys only! No Mothers Allowed’. In: International Journal of Psycho-Analysis, 90: 19-26 
  • Hoffmann-Riem, Christa (1998): Das adoptierte Kind. Familienleben mit doppelter Elternschaft. 4., unveränderte Auflage. München. 
  • Hoffmann-Riem, Christa (1990): Fragmentierte Elternschaft: technologischer Fortschritt und familiale Verarbeitung. In: Lüscher, Kurt/Schultheis, Franz/Wehrspaun, Michael (Hg.): Die postmoderne Familie. Familiale Strategien und Familienpolitik in einer Übergangszeit. 2., unveränderte Auflage. Konstanz: 216 - 233. 
  • König, René (1946): Materialien zur Soziologie der Familie. (Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie). Bern. 
  • Reiche, Reimut (2001): Der gewöhnliche Weg zur Homosexualität beim Mann. In: Bohleber, Werner/Drews, Sybille (Hrsg.), Die Gegenwart der Psychoanalyse – die Psychoanalyse der Gegenwart. Stuttgart 2001: 288 – 303. 
  • Rupp, Marina (2009): Regenbogenfamilien. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, H. 41: 25 - 30. 
  • Stoller, Robert J. (1968): Sex and Gender. New York. 
  • Yanan, Nizq/Siles, Eyal: Idealization, Splitting and the Challenge of Homophobia. In: Psychoanalytic Dialogues19: 336 – 351.
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