Thomas Auchter: Die Geschichte vom weißen Zebra - oder: Seelische Ursprünge des Rassismus

Rassismus ist kein spezifisch deutsches Phänomen. Aufgrund unserer Geschichte sind wir allerdings zu besonderer Wachsamkeit gegenüber jeglicher Form von Rassismus herausgefordert. Rassismus ist eine sehr komplexe Erscheinung, dem eine einzige Betrachtungsebene - z.B. die politische, die sozialwissenschaftliche, die historische oder auch die psychoanalytische - niemals alleine gerecht werden kann. Deshalb ist es unumgänglich, aus den verschiedensten Perspektiven einen differenzierten und differenzierenden Blick darauf werfen. Ich möchte das hier aus einer psychologischen/ psychoanalytischen Sicht tun, die selbstverständlich nur einen Teilbeitrag zu einem besseren Verständnis des Rassismus leisten kann. Die psychoanalytische Betrachtungsweise versucht einen Ansatz des Verstehens aus der bewussten und vor allem unbewussten Psychodynamik von Einzelnen und von Gruppen. Der Psychoanalytiker bemüht sich um eine wissenschaftliche, möglichst wertungsfreie Untersuchung, ist jedoch keineswegs - wie der Psychoanalyse bisweilen vorgeworfen wird - wertfrei. Verstehen entschuldigt überhaupt nichts! Aber ohne vorangehendes differenziertes Verstehen ist keine Veränderung möglich!
Jeder neugeborene Mensch kommt mit mindestens drei grundlegenden Bedürfnissen zur Welt: (1) dem Bedürfnis nach Sicherheit ("Sicherheitsbedürfnis"), (2) dem Bedürfnis nach Anerkennung und Bestätigung des Eigenen ("Narzissmus"), und (3) dem Bedürfnis, mit Anderen in Verbindung zu sein und zu bleiben ("Bindungsbedürfnis"). Diese Grundbedürfnisse müssen - lebenslang - immer wieder neu in eine Balance zu einander gebracht werden. 
Menschen unterscheiden sich. Es gibt Männer und Frauen, es gibt Weiße, Schwarze und andere. Ihre Physiognomie ist unterschiedlich, sie sprechen verschiedene Sprachen, sie haben unterschiedliche Religionen, Kulturen und Gebräuche.
Um uns als "Ich-Selbst" begreifen, um unsere eigene unverwechselbare Identität definieren zu können, benötigen wir zur Abgrenzung lebenslang unumgänglich den oder die "Anderen" als "Nicht-Ich", von uns unterschieden. Daneben aber bestimmt uns, wie erwähnt, ein lebensgeschichtlich tief verwurzeltes unbewusstes Sicherheitsbedürfnis. Am sichersten fühlen wir uns, wenn alles gleich ist und bleibt, kein Unterschied uns irritiert und beängstigt. Bezüglich des Anderen, des Fremden sind wir also von einer grundlegenden tiefen unbewussten Ambivalenz erfüllt. Wir brauchen das Fremde, es fasziniert unsere Neugier, ebenso wie es uns beängstigt. Und deswegen gibt es ein starkes unbewusstes Bestreben, den anderen uns gleich zu machen. Und, wenn das nicht gelingt, dann nach dem Motto vorzugehen: "Willst Du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich Dir den Schädel ein".
Daneben prägt uns aber ein ebenso tief verwurzeltes Bedürfnis, als Ich-Selbst anerkannt und bestätigt zu werden, dass andere uns großartig finden, unseren Narzissmus befriedigen. Manchmal glauben wir, das könnten wir am Besten erreichen, wenn wir uns ideal verhalten. Wenn niemand etwas an uns auszusetzen hat, wir keine Fehler machen, keine Mängel haben.
Die Weisheitsbücher aller Kulturen und alle Philosophen aber konfrontieren uns damit, dass der Mensch grundsätzlich nicht vollkommen ist, nicht ideal, nicht mängelfrei, nicht fehlerlos und niemals vollständig unschuldig. Diese "grundlegende Kränkung unseres Narzissmus" ist für uns alle schwer erträglich. Also suchen wir nach Abhilfe. Eine besteht in der Entwicklung eines "krankhaften Narzissmus". Mit anderen Worten: Die "narzisstische Krankheit" ist die Folge von einer vorausgehenden (narzisstischen) Kränkung!
In der pathologischen "narzisstischen Welt" herrscht ein absoluter Egozentrismus und Egoismus, eine den anderen völlig ausschließende Ich-Bezogenheit. Der Selbst-Idealisierung ("Ich bin der Gröte" oder "Wir sind die Gröten") korrespondiert eine vollständige Geringschätzung, Entwertung und Verachtung für andere. Die Gröenideen vom eigenen Selbst äuern sich in Omnipotenzvorstellungen (Ideen von Allwissenheit, Allmacht und Allgewalt). Der Narzisst hält sich für unverwundbar, unsterblich, unbegrenzt in jeglicher Hinsicht. In der idealen narzisstischen Welt gibt es keinen Aufschub, kein Warten, keine Hindernisse und keine Fragen mehr.
Die "vollkommene" narzisstische Welt ohne Differenzen, ohne Spannungen ist eine perfekte, eine vollendete, ein "fertige" Welt. Sie ist damit aber zum endgültigen Stillstand gekommen, ohne jede Entwicklungsperspektive. Mit anderen Worten: sie ist eine "tote" Welt. Sie steht im diametralen Gegensatz zu einer "Wirklichkeit", in der wir uns lebendig fühlen können. Lebendiges seelisches Geschehen ist immer durch Unterschiede und durch Spannungen charakterisiert, die fortwährend in ein relatives, stabiles Gleichgewicht gebracht werden müssen. Wir Psychoanalytiker nennen das das "Realitätsprinzip". "Der Mensch muss", schreibt der Psychoanalytiker Erik H. Erikson (1970), "um im psychologischen Sinne am Leben zu bleiben, unaufhörlich ... Konflikte lösen".
Es gibt nun offenbar ein sehr archaisches affektives Organisationsprinzip für unsere Wahrnehmungen, nämlich die seelische Aufspaltung in "nur gut" einerseits und "nur böse" andererseits. Dieses Organisationsprinzips der "Spaltung" bedienen sich vor allem Babies und kleine Kinder. Dabei wird zunächst alles Gute (z.B. Sicherheit, Lust und Wohlbefinden) innerlich mit dem Ich-Selbst-Komplex verbunden und alles "Böse" (z.B. Hunger, Angst, Schmerz und Wut) dem "Nicht- Ich-Selbst" zugeordnet. Dies kann natürlich nur gelingen auf dem Wege einer "Externalisierung", also gewissermaßen dem "Rausschmiss" der als "böse" oder "schlecht" erlebten kognitiven und affektiven Wahrnehmungen. So ist zunächst für das Baby oder Kleinkind (aber vermutlich auch nur für eine relativ kurze Zeitspanne) in seinem Erleben alles "Draußen", alles Nicht-Ich, alles Fremde, alles Feindliche und Gehasste identisch (S. Freud 1915c; 1925h; 1926e), eben "das Böse".
In diesem Sinne verstehe ich eine übermäige Fremdenangst ("Xenophobie") und den Fremdenhass als Symptome, als Ausdruck einer Störung der narzisstischen Regulation im Sinne einer solchen Spaltung.
Meine Hauptthese lautet dementsprechend: übermäige Fremdenangst und Fremdenhass sind aus psychoanalytischer Sicht Produkte oder Symptome einer Störung des narzisstischen Regulationssystems, mit anderen Worten einer massiven Gefährdung oder Kränkung des Selbst- bzw. Selbstwertgefühls. Daraus resultiert psychologisch betrachtet der Rassismus. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus stellen einen auf sozialer Ebene missglückenden Versuch einer Reparation von beschädigtem Narzissmus dar - durch Externalisierung und Projektion des "eigenen fremden Bösen". Dies ist auf der subjektiven, d.h. narzisstischen Ebene jedoch eine zum gegebenen Zeitpunkt "bestmögliche" und damit vorübergehend "erfolgreiche" Bemühung einer Selbst-Heilung. Da die narzisstische Wunde aber auf diese Weise nicht dauerhaft zu schließen ist, kommt es zu ständig neuen und schließlich immer monströseren Bemühungen um Selbst-Stabilisierung. Mit anderen Worten: "Der Wahn der Fremdenfeindlichkeit beziehungsweise des Rassismus macht (unbewusst) einen Sinn! " - "Wahn-Sinn".
"Projektion" ist eine seelische Operation, bei der das Subjekt Bedürfnisse, Wünsche, Gefühle oder auch innere Spannungen und Konflikte aus sich ausschließt und im Anderen lokalisiert. Der nationalsozialistische Rassismus ist ein beredetes Beispiel dafür. Die Juden wurden nämlich genau dessen bezichtigt, was die Nazis praktizierten (z.B. Anspruch auf Weltherrschaft).
Als besonders bedrohlich empfinden wir offenbar, wenn der Andere "nur ein wenig" anders ist als wir selbst. Dann werden die kleinen, aber feinen Unterschiede ganz besonders gewichtig. Dieser "Narzissmus der kleinen Differenzen", wie Sigmund Freud (1921c, 1930a) das genannt hat, tritt also gerade bei sich nahestehenden Gruppen auf. Verachtung bis hin zu Feindseligkeit empfinden die Städter für die Dörfler und die Dörfler für die Städter, die Bayern für die Preußen und umgekehrt, usw.. "Der Umstand, dass uns jemand so ähnlich ist, dass wir uns zum Vergleich mit ihm herausgefordert fühlen, und doch wiederum anders ist", schreibt der Psychoanalytiker Robert Waelder (1980), "wirkt auf uns wie eine versteckte Kritik an uns selbst, wie ein Angriff auf unsere Lebensweise und die implizite Aufforderung, uns zu bessern; und das nehmen wir ihm übel". Rassismus entwickelt sich an der Grenze, wo es um unseren Umgang mit der Andersartigkeit geht.
Die Spaltung in Selbst-Liebe und Fremden-Hass erweist sich individuell wie kollektiv als probate Lösung. "Es ist immer möglich", schreibt Sigmund Freud (1930a), "eine gröere Menge Menschen in Liebe an einander zu binden, wenn nur andere für die Ä ßuerung der Aggression übrig bleiben". Dieses sozialpsychologische Phänomen gilt nach Freud auch für jede - sich noch so sehr als "Liebesreligion" gerierende - religiöse und auch für jede ideologische Überzeugung (S. Freud 1921c). Die Unterscheidung in "Wir" und "Die", wobei "Wir" natürlich nur gut sind, und "Die" natürlich nur schlecht und böse, diese Spaltung dient außerdem auch der Gruppenidentität und dem Gruppenzusammenhalt.
Im Extremfall verdichten sich unsere Vorurteile und Projektionen zu festgefügten "Feind-Bildern". Für unsere eigene reine, saubere narzisstische Welt brauchen wir "die Anderen", die Fremden, die Feinde als Müllkippen für unseren eigenen Seelenmüll. Deshalb sind wir selig, wenn wir Feinde haben, "feind-selig". Mit diesen "Sündenböcken" (die im ursprünglichen jüdischen Ritual "in die Wüste geschickt" wurden) versuchen wir uns von unseren eigenen abgelehnten Wünschen, Phantasien und Gefühlen, unserem "eigenen fremden Bösen" zu befreien (Auchter 1990). Deshalb richtet sich der Rassismus auch zum Beispiel gegen Behinderte oder Obdachlose, denn sie "stören" ja unsere Illusion von einer vollkommenen Welt. Rassistisches Denken und Verhalten bietet eine "Alternative zum inneren Konflikt" (Poliakov, L. u.a. 1985). Die "Übertragung" oder "Projektion" eigener Mängel, Schwächen, Fehler, eigenen Versagens, von Ängsten und Aggressionen auf den Anderen erspart uns einerseits die viel mühsamere Seelenarbeit der inneren Auseinandersetzung mit diesen "unseren" (!) Problemen. Sie versperrt uns jedoch andererseits zugleich jede Möglichkeit einer Annahme und Integration dieser unserer "schlechteren Hälfte", von der kein Mensch frei ist!
Fatal erweist sich schließlich die Verbindung projektiver Mechanismen mit einer fanatischen Einstellung. "Der Fanatiker", schreibt der Psychoanalytiker Lambert Bolterauer (1989) "als aktive, kraftvolle Kampfnatur begegnet ... der inneren Gefahr dadurch, dass er darangeht, den Gefahrenherd in der Außenwelt radikal zu beseitigen". Auch alle Utopien sozialen Zusammenlebens setzen den vorherigen Ausschluss und die Beseitigung aller "Nicht- Auserwählten" voraus (Chasseguet-Smirgel 1988).
Wenn seelische und körperliche Gewalttätigkeiten im Namen und im Dienste eines Ideals oder einer Ideologie begangen werden, scheint die seelische Spannung zwischen Gewissen und Gewalt aufgehoben zu sein (vgl. Schmidbauer 1980). Die Psychoanalytikerin Janine Chasseguet-Smirgel (1981) hat in diesem Zusammenhang trefflich von der "Krankheit der Idealität" gesprochen. Schon Blaise Pascal vermerkte im 17. Jahrhundert: "Niemals tut man Böses so vollkommen und freudig, als wenn man es im Einklang mit seinem Gewissen tut". Bei ideell begründeten Gewaltaktivitäten wird zudem das persönliche Gewissen unkritisch den Vorstellungen der Ideologie und ihren Meinungsführern unterworfen. Dadurch wird die individuelle Verantwortlichkeit abgegeben, wie bereits Sigmund Freud (1921c) in seiner Arbeit "Massenpsychologie und Ich-Analyse" herausgearbeitet hat. Dadurch, dass solche Taten häufig auch in einer Gruppe oder Menge begangen werden, erhält das Gewissen des Einzelnen eine zusätzliche Entlastung dadurch, "dass es ja die anderen auch", oder "alle tun". In solchen Fällen sind in der Regel vorher die gewalttätig Attackierten zum absolut Bösen, zum Todfeind, zum "Untermenschen" oder "Unmenschen" erklärt worden. Und gegen solche kann dann relativ schuldgefühlfrei vorgegangen werden. Am sinnfälligsten ist das natürlich in einem Krieg, in dem das Töten des Feindes zur Pflicht pervertiert wird.
Beim Fundamentalismus, Fanatismus oder Rassismus wird häufig die komplexe und immer komplexer werdende Welt auf einfache, Sicherheit versprechende, Formeln gebracht, ein simples "Schwarz-Weiß-Denken". Jede Differenzierung und Individualisierung wird aufgegeben zugunsten einer Diffamierung eines Kollektivs - wie es zu-letzt Thilo Sarrazin vorgeführt hat.
Differenzierte Probleme und Fragestellungen im Bereich der Fremdenfeindlichkeit und des Rassismus lassen sich nicht durch simplifizierende Antworten und einfache Lösungsstrategien bewältigen. Gegen die schrecklichen Vereinfacher hilft nur die Entwicklung und Förderung eines differenzierenden, selbst-kritischen Denkens, die Erhaltung von Neugier und des Bewusstseins um die Vorläufigkeit aller Erkenntnis. Wer es zum Beispiel bei primitiven Parolen wie "Nazis raus" belässt, stellt sich auf dieselbe unreflektierte Stufe von Denken und Agieren mit denen, die man zu bekämpfen vorgibt. Die Gegner des Rassismus müssen sich sorgsam davor hüten in die "Rassismus-Falle" zu tappen und ebenso unkritisch und undifferenziert wie die Gegenseite zu denken und zu handeln. Also in das simplifizierende "Schwarz-Weiß-"‚ oder in dem Falle "Braun-Rot-Denken" zu verfallen. "So entsteht dann ein irrationaler Moralismus, der - unbewusst - das Übel fixiert, das er bannen möchte", wie es der stark in der Friedensbewegung engagierte Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter (1979) einmal formulierte. Wer bei der moralischen Entrüstung stehenbleibt, ohne sich zum Beispiel in die Psychodynamik der "Krankheit Rassismus" (vgl. Auchter 2000) zu vertiefen, also die tieferen auch unbewussten seelischen Motive zu berücksichtigen, setzt den Kreislauf der Gewalt mit Ausgrenzung, Entwertung und letztlichem Vernichtungsdrang fort.
Wenn überstarke Fremdenangst und Fremdenhass, wenn Rassismus Symptome einer Störung des narzisstischen Regulationssystems darstellen, dann gibt es psychologisch wohl wenige Möglichkeiten direkter Einflussnahme, falls sie bereits voll entwickelt sind. Darüber hinaus wäre eine völlige Beseitigung aller Fremdenangst - wenn sie denn möglich wäre - weder biologisch noch psychologisch sinnvoll, da sie als "Signalangst" (Freud 1926d) eine wichtige Funktion zur Warnung vor Gefahren besitzt (Waelder 1980).
Indirekte Beeinflussungsmöglichkeiten vorbeugender Art auf den Rassismus liegen in der Entwicklung und Förderung eines gesunden Narzissmus, einer stabilen Identität im Sinne von hinreichendem Selbst- und Selbstwertgefühl. Das ist die allerbeste Prophylaxe gegen den pathologischen Narzissmus und seine Auswüchse Fremdenangst, Fremdenhass und Rassismus. Gesundes Selbstbewusstsein umfasst immer auch ein Gefühl für die eigenen Begrenzungen, Schwächen und Fehler. Es schließt SelbstKritik nicht aus, sondern setzt sie voraus. Emotionale Reife erfordert die Fähigkeit zu Angst und Depressionstoleranz, wie es die Psychoanalytikerin Elisabeth Zetzel (1974) einmal formulierte. Sie können nur in einem Erziehungsklima der Toleranz (Richter 1978) entfaltet werden. Zur Reife gehört auch die "Fähigkeit zum Dissens", d.h. nicht nur die Konfliktfähigkeit, sondern darüber hinaus die Möglichkeit, zu ertragen, dass es Konflikte gibt, die ungelöst stehen bleiben müssen. Erst diese Reife macht es uns möglich, mit Toleranz die Andersartigkeit des Anderen zu ertragen beziehungsweise vielleicht sogar als Quelle für unsere eigene Weiterentwicklung zu begreifen. Sie hilft uns dabei, die rassistische Diskriminierung und Diffamierung von Einzelnen oder Gruppen zu vermeiden.
Ein psychologisch bedeutsamer Schritt in der menschlichen Entwicklung ist das Entfalten der Fähigkeit zur Integration statt zur Spaltung, der Erwerb der Möglichkeit zum "Sowohl-als-auch", zu Gut und Böse, zu Liebe und Hass, zu schwarz und weiß.
Und damit komme ich abschließend zu der "Geschichte vom weßien Zebra", die den Hintergrund für den Titel dieser Arbeit bildet. Die Metapher vom "weißen Zebra" stammt von meinen alten Freiburger Psychoanalyse-Lehrmeister Johannes Cremerius.
Wenn wir uns mit Cremerius (1977, S. 1), dem "Humanum des Jedermann" zuwenden, was wird dabei "anderes sichtbar als unsere Zebra-Natur, der Wechsel heller und dunkler Streifen. Aber das kann unser Über-Ich beziehungsweise unser Ich-Ideal nicht zulassen. Es leidet nämlich unter der phantastischen Idee vom ungestreiften Zebra ... Aber diese Phantasie vom weißen Zebra ist auch die Quelle einer tiefen Angst. Denn, wenn es das gibt, wer bin ich dann mit meinen ach so vielen schwarzen Streifen? " Die Phantasie vom "weißen Zebra" lässt sich nur aufrechtzuerhalten, wenn ich alle die schwarzen Flecken auf meiner weißen Weste und alle meine schwarzen Streifen von mir abspalte und auf den Anderen, zum Beispiel den Fremden projiziere. Sie erinnern sich, dass die Vorlage für diesen Vorgang in der Säuglings- und Kleinkindzeit liegt!
Das Erreichen der Fähigkeit zur Ambivalenz, das Anerkennen der "Zebranatur des Menschen" wie es Cremerius bildhaft formulierte, der entwicklungspsychologische Erwerb, die schwarzen und die weißen Streifen anzunehmen, statt den idealen Traum vom ungestreiften, weißen Zebra weiterzuträumen, bleibt prekär und labil. In Krisensituationen oder bei chronischer Überbelastung kann es immer zu einer Regression auf den seelischen Mechanismus der Spaltung in "entweder - oder", "alles oder nichts", "schwarz oder weiß ", und in deren Folge dem Schaffen von Sündenböcken kommen. Und gegen die wird dann mit Gewalt vorgegangen. Das ist der Rassismus.
Unsere innersten Idealvorstellungen vom Reinen und Edlen, unsere "Krankheit der Idealität" hindern uns immer wieder daran, unsere realistische Zebranatur, den Wechsel schwarzer und weißer Streifen, bei uns und in uns anzuerkennen. Sie lassen uns immer wieder den Traum vom "weißen Zebra" träumen. Aber wie formulierte einst der Schriftsteller Günther Eich (1953) in seinem Gedicht: "Wacht auf - denn eure Träume sind schlecht".

Oktober 2010

Literatur:

  • Auchter, T. (1990): Das fremde eigene Böse. Zur Psychoanalyse von Fremdenangst und Fremdenhass. In: Universitas 45, S.1125 1137.
  • Auchter, T. (2000): Die seelische Krankheit "Fremdenfeindlichkeit". In: Streeck, U. (Hg.): Das Fremde in der Psychoanalyse. Gießen (Psychosozial Verlag), S. 225-234.
  • Bolterauer, L. (1989): Die Macht der Begeisterung. Fanatismus und Enthusiasmus in tiefenpsychologischer Sicht. Tübingen (edition diskord).
  • Chasseguet-Smirgel, J. (1981): Das Ich-Ideal. Die Krankheit der Idealität. Frankfurt (Suhrkamp).
  • Chasseguet-Smirgel, J. (1988): Zwei Bäume im Garten. Zur psychischen Bedeutung der Vater- und Mutterbilder. München-Wien (Verlag Internationale Psychoanalyse).
  • Cremerius, J. (1977): Übertragung und Gegenübertragung bei Patienten mit schwerer Über-Ich-Störung. Vortrag auf der DPV-Tagung in Köln im März 1977 (Manuskript).
  • Erikson, E.H. (1970): Identität und Lebenszyklus. Frankfurt (Suhrkamp)
  • Freud, S. (1915c): Triebe und Triebschicksale.
  • Freud, S. (1921c): Massenpsychologie und Ich-Analyse.
  • Freud, S. (1925h): Die Verneinung.
  • Freud, S. (1926d): Hemmung, Symptom und Angst.
  • Freud, S. (1926e): Die Frage der Laienanalyse.
  • Freud, S. (1930a): Das Unbehagen in der Kultur.
  • Poliakov, L. u.a. (1985): Über den Rassismus. Frankfurt-Berlin-Wien (Ullstein).
  • Richter, H.E. (1978): Zur Psychologie des deutschen Rechtsradikalismus. In: Richter, H.E. : Engagierte Analysen. Über den Umgang des Menschen mit dem Menschen. Reinbek (Rowohlt).
  • Richter, H.E. (1979): Der Gotteskomplex. Reinbek (Rowohlt).
  • Schmidbauer, W. (1980): Alles oder Nichts. Über die Destruktivität von Idealen. Reinbek (Rowohlt).
  • Waelder, R. (1980): Ansichten der Psychoanalyse. Stuttgart (Klett-Cotta).
  • Zetzel, E. (1974): Die Fähigkeit zu emotionalem Wachstum. Stuttgart (Klett-Cotta).

 

* Thomas Auchter, Diplom-Psychologe, niedergelassener Psychoanalytiker in Aachen

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