Thomas Auchter: Trauma und Psychoanalyse

1. Was versteht man unter "Trauma"?
Mit "Trauma" werden zwei verschiedene Dinge benannt. Mit dem Begriff "Trauma" - abgeleitet vom griechischen Wort Trauma = Verletzung - wird erstens eine schwere seelische Verletzung oder Störung bezeichnet. Zweitens findet der Begriff Trauma aber auch Verwendung für ein einmaliges (akutes) oder wiederholt auftretendes (chronisches) traumatisierendes Ereignis oder Erlebnis. Das kann zum Beispiel der plötzliche Tod eines nahestehenden Menschen sein oder eine andauernde Misshandlung eines Kindes. Das Trauma wird also sowohl subjektiv wie objektiv definiert.
Was uns später bei Patientinnen und Patienten als heute sogenannte "posttraumatische Belastungsstörung" (PTBS) begegnet, stellt dann den seelischen, vor allem unbewussten, Versuch von Betroffenen dar, ein Trauma nachträglich zu verarbeiten und in irgendeiner Weise wieder zu einem seelischen Gleichgewicht zu kommen.

2. Wie zeigt sich eine Traumatisierung?
Es gibt zwei grundsätzlich unterschiedliche Reaktionsweisen auf eine traumatische Erfahrung. Die eine führt zu einer totalen Gefühlsabstumpfung, die Betroffenen werden ganz gefühllos, oder es tritt eine gegenteilige Reaktion ein, die Gefühle geraten außer Kontrolle, es kommt zu einer Gefühlsüberflutung, die Betroffenen verhalten sich zum Beispiel "hysterisch" oder "verrückt ". Entsprechend finden wir auf der Verhaltensebene einerseits Erstarrung, Lähmung und Apathie und auf der anderen Seite einen übermäßigen Aktivismus, der unbewusst dem mit der Traumatisierung verbundenen Gefühl von Hilflosigkeit, Ohnmacht und Angst machtvoll entgegenwirken soll. Zwei grundlegende Verarbeitungsformen traumatischer Einwirkungen lassen sich also unterscheiden, einerseits eine expressive, aggressive bis psychotische und andererseits eine durch inneren Rückzug und depressiven Verstimmungen ("stille Trauer") gekennzeichnete. "Ich weine nach innen", sagte einmal eine meiner traumatisierten Patientinnen. Diese zweite Form würde ich sogar für noch schlimmer einschätzen, weil sie mit einer hoffnungslosen Bewegungs- und Aktivitätslähmung einhergeht, während aggressiv-lärmende Symptome zumindest noch einen Restbestand an hoffnungsvoller Wirkmächtigkeit anzeigen. Das ist ähnlich wie bei Kindern: gerade die "stumm leidenden" verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit, statt sie als besonders "pflegeleicht" zu betrachten.
Nicht selten führt die Angstlähmung zu einer schwerwiegenden Entwicklungsstörung bis zum Entwicklungsstillstand. Nach dem Kosovo-Krieg wurden Kinder beobachtet, die Gräuelszenen miterleben mussten, und danach monatelang kein einziges Wort mehr gesprochen haben.
In der Regel wird die traumatische Erfahrung zunächst ins Unbewusste abgedrängt und tief im Innern der Seele vergraben. Die Stellen, an denen das Verdrängte dann wiederkehrt und sich einen Ausdruck sucht, sind sehr vielfältig. Sie umfassen praktisch das ganze Spektrum "psychiatrischer" Symptomatik. Ich möchte nur einige anführen: das sind Schlafstörungen, Alpträume, Bettnässen, Daumenlutschen, anhaltendes Weinen, selbstzerstörerisches Verhalten, "Ritzen", Bulimie, depressiver Rückzug und extreme Anklammerungstendenzen. Dann gehören dazu: Aggressivität gegen andere, Verhaltensauffälligkeiten aller Art, Griff zu Betäubungsmitteln wie Alkohol und andere Drogen. Schließlich alle möglichen Körpersymptome wie Kopf- und Magenschmerzen, Erbrechen, Appetitlosigkeit, um nur einige aufzuzählen.

3. Welche seelischen Folgen hat eine Traumatisierung?
Ein traumatisierendes Ereignis liegt außerhalb der gewöhnlichen menschlichen Erfahrung und überschreitet die Grenzen der seelischen Belastbarkeit. Die Intensität von Gefühlen des Schreckens, der Angst, des Schmerzes, der Ohnmacht und Hilflosigkeit - wie zum Beispiel Todesangst - führt dazu, dass das gewöhnlich funktionierende Verarbeitungs- und Bewältigungssystem des Individuums mit seinen seelischen Abwehr- und Anpassungsmechanismen überfordert wird und zusammenbricht. Der seelische Regulationsapparat, vor allem in seiner Funktion, den Erfahrungen Sinn und Bedeutung zu verleihen (die sogenannte "Symbolisierungsfunktion"), wird gestört, beeinträchtigt, beschädigt oder im Extremfall zerstört. Durch diese fundamentale Erschütterung gerät der Mensch aus seinem Gleichgewicht, es fällt ihm schwer seine innere Struktur aufrecht zu erhalten. Seine Fähigkeit zur Bewältigung seiner Realität wird beeinträchtigt. Sein gesamtes Selbstgefühl gerät ins Wanken. Seine Selbstgrenzen werden verletzt und durchlöchert. Dadurch kann es im Endeffekt zur seelischen Erkrankung der sogenannten ‘Borderline-Störung’, also einer "Grenzstörung", kommen.
Die extreme Gefährdung in einer traumatisierenden Situation, zum Beispiel beim Einsatz von Soldaten in Afghanistan, versetzt den Menschen zur Abwehr in einen heftigen Spannungs- und Erregungszustand. Nach dem Aufhören der ursprünglichen traumatischen Erfahrung halten dieser seelische Alarmzustand und die ständige Verteidigungsbereitschaft noch ganz lange an und hindern den Traumatisierten so an einem unbeschwerten Leben.
Ein ganz typisches Merkmal traumatisierter Menschen ist die sog. Dissoziation oder Spaltung. Das bedeutet, dass unerträgliche seelische Inhalte von einander abgespalten werden. So werden zum Beispiel die Bilder und Szenen traumatischer Erfahrungen von den damit verbundenen Gefühlen abgespalten und gewissermaßen im Gehirn an zwei von einander getrennten und entfernten Orten aufbewahrt. In der Folge kommt es dann einerseits zu einem unvermittelten oder durch "Schlüsselreize" ("trigger") ausgelösten Auftreten dieser Bilder vor dem inneren Auge, ohne dass der Mensch sich dagegen wehren kann (sogenannte "flashbacks"), tagsüber oder nachts in Alpträumen. Oder in anderen Momenten zu einer Ãœberwältigung durch völlig unverständliche und unfassbare Gefühlszustände, wie Panikattacken oder unstillbare Weinkrämpfe, die bewusst nicht zu irgendwelchen Vorstellungsbildern zugeordnet werden können.
Traumatische Erfahrungen machen die Menschen häufig stumm, beeinträchtigen ihre Fähigkeit, sich mit Worten ausdrücken zu können, das Erlebte, mit dem sie nicht fertig werden, in Sprache zu fassen (vgl. Laub 2000). Es wird zum "Unaussprechlichen". Das Trauma verschlägt einem die Sprache. Denn das Trauma beschädigt oder zerstört - wie erwähnt - auch die Fähigkeit zur Symbolisierung (vgl. Bohleber 2000), die Voraussetzung zum sprachlichen Mitteilen ist. Die traumatischen Erfahrungen werden unvermittelt, "bedeutungslos" (denn sie besitzen ja auch tatsächlich keinerlei "Sinn") in den Körper "eingeschrieben". Sie können nicht in das bewusste Selbst- und Weltgefühl integriert werden, sie werden häufig gewissermaßen eingekapselt und bleiben dann ein "Fremdkörper" im Ich-Selbst des Menschen. Und oft können dann diese körperlich engrammierten und/ oder nicht verwörterbaren Erfahrungen zunächst nur in körperlichen Symptomen einen Ausdruck finden.
Traumatisierte Menschen müssen meist, zumindest zunächst, ihre seelisch nicht auszuhaltenden Erlebnisse verdrängen, um weiterleben zu können. Damit verschwindet das Trauma allerdings nur aus dem Bewusst-Sein und nicht aus dem Sein. Ganz im Gegenteil, die ungelösten seelischen Konflikte und unbewältigten Traumata drängen nun unbewusst nach Bearbeitung. Das kann sich dann zum Beispiel in unbewussten, zum Teil zwanghaften, destruktiven Wiederholungen zeigen, wie in allen möglichen neurotischen und psychosomatischen Symptomen. Die zeigen an, dass da in der Seele etwas ‘nicht in Ordnung’ ist. Im Gegensatz zu den Einwirkungen körperlicher Gewalt sind die Narben seelischer Gewalt (Herman 1993) oft viel schwerer identifizierbar, zeichnen die Menschen aber oft viel länger, bisweilen lebenslang. Nicht nur die direkte Erfahrung von Gewalt, sondern auch das Gezwungensein zum hilflos-ohnmächtigen Miterleben der Verwundung oder Tötung eines anderen Menschen kann traumatisierend wirken.

4. Psychoanalytische Behandlung von Traumatisierungen
In der Psychoanalyse spielt das Trauma sowohl bei ihrem Gründer Sigmund Freud wie auch in der Theoriebildung immer schon eine bedeutsame Rolle. Ich möchte hier nur die Stichworte "Kriegsneurose" oder sexuelle Gewalterfahrungen erwähnen. Leider sind diese Themen, wie "Gewalt im Krieg" und "sexuelle Gewalt" bei Traumatisierungen aktuell wie je! Ich finde den Begriff "sexuelle Gewalt" klarer als das Wort "sexueller Missbrauch", das sich mittlerweile eingebürgert hat. Dieses Wort ist missverständlich, da es suggeriert, es gäbe einen "guten" "Gebrauch" eines Kindes oder Abhängigen.
Die Psychoanalytiker haben von Anfang an traumatisierte Menschen mit ihrer Methode behandelt - und tun dies heute genauso selbstverständlich.
Da eine Traumatisierung, wie erwähnt, in den unterschiedlichsten Symptomen und Störungen ihren Ausdruck finden kann, ist zunächst bei allen Patienten, die unsere Praxen aufsuchen, grundsätzlich eine Traumaerfahrung nicht auszuschließen. Deshalb ist eine vorsichtige und sorgfältige Herangehensweise, die Retraumatisierungen zu vermeiden hilft, im Erstgespräch und den folgenden probatorischen Sitzungen zur Vorbereitung einer Behandlung stets unumgänglich.
Manchen Patienten wissen schon um ihre Traumatisierungen, wenn sie zum Erstgespräch zu uns kommen. Anderen sind ihre traumatischen Erfahrungen völlig unbewusst, kommen aber möglicherweise schon bald in den probatorischen Sitzungen zumindest im Ansatz ans Licht. Wieder andere Traumatisierungen werden erst im Verlauf eines langen psychoanalytischen Behandlungsprozesses dem Bewusstsein zugänglich. Traumata können grundsätzlich über lange Zeiträume, zum Teil Jahrzehnte, wie bei Kriegstraumatisierungen, außerhalb des Bewusstseins verbleiben.
Das Ziel der psychoanalytischen Behandlung traumatisierter Patienten ist die Möglichkeit der Integration des Traumas in die Persönlichkeit, oder wie es der polnische Philosoph Leszek Kolakowski einmal formulierte: ein "Leben trotz Geschichte".
In meiner idealtypischen Beschreibung des therapeutischen Weges dorthin greife ich vor allem auf Ãœberlegungen des britischen Psychoanalytikers Donald W. Winnicott für die Behandlung seelisch schwer gestörter Patienten und auf eigene Erfahrungen in der Behandlung traumatisierter Patienten zurück.
Der allererste Schritt und das unumgängliche Fundament aller therapeutischen Bemühungen ist das Schaffen einer zuverlässigen, sicherheitsvermittelnden und vertrauensvollen therapeutischen Beziehung zwischen Patient und Psychoanalytiker. Es gilt, einen sicheren therapeutischen Rahmen zu etablieren, innerhalb dessen zum gegebenen, von den Patienten bestimmten Zeitpunkt, das traumatische Erleben in der von ihnen gewählten Form zur Sprache kommen kann. Bedingung dafür ist, dass die Psychoanalytiker keine übermäßige Angst vor der Gewalt und den seelischen Auswirkungen von traumatischen Erfahrungen haben. Ihr Mut und ihre Hoffnungskapazitäten im Bezug auf die Bewältigung eines Traumas können den Patienten ein Vorbild und ein Anreiz sein, sich dem Wagnis ihrer Selbstaufklärung auszusetzen. Zu den Voraussetzungen dafür gehören die unbedingte Annahme der Patienten und die zunächst unhinterfragte Anerkennung ihres Narrativs, das heißt ihrer Darstellung der Traumatisierung. Interventionen beschränken sich anfangs weitgehend auf eine empathische Spiegelung der Patienten, vor allem hinsichtlich des gefühlshaften Gehalts ihrer Erzählung - vor jeder (weitergehenden) Deutung. Manchmal sagt ein mitfühlendes Schweigen hier mehr als unzulängliche Worte. Bisweilen ist aber auch eine klare Positionierung zu dem Geschehen unumgänglich. Ich denke da an eine Patientin, die als kleines Mädchen von ihrem Stiefvater damit immer wieder zu sexuellen Handlungen gezwungen wurde, dass er ihr versprach, dann ihre Mutter nicht zu schlagen. Meine spontan geäußerte Empörung: "Der hat sie erpresst" in diesem Moment war notwendig und für die Patientin hilfreich.
Zur therapeutischen Sicherheit trägt auch bei, die Patienten jederzeit möglichst offen und klar über den therapeutischen Prozess und die notwendigen Schritte des Prozesses zu informieren. Auch generelle klärende Informationen über Traumatisierungen und ihre inneren Folgen sind bisweilen hilfreich, damit die Patienten ihr Erleben besser einordnen und verstehen können. Schon dadurch kann sich häufig ihre "unfassbare" Angst etwas verringern.
Dieses "haltende" Milieu erlaubt den Patienten dann in der ihnen angemessenen Geschwindigkeit - und traumatisierte Patienten haben trotz aller "Gestörtheit" zumeist ein sehr zuverlässiges Gefühl für das "timing", das heißt dafür, was sie sich zumuten können - zu der oder den traumatisierenden Erfahrung(en) und in die Zeit dahinter "zurückzukehren" (sogenannte therapeutische Regression). Im nächsten Schritt geht es dann darum, an das Trauma heranzukommen: "Der Patient muss mit Hilfe des Ãœbertragungstraumas zurück in den Zustand, den er vor dem ursprünglichen Trauma erreicht hatte" (Winnicott 1974, S. 275). Das Erreichen des Traumas und sein - vielleicht wiederholtes - Wiedererleben im Schutz der therapeutischen Beziehung ist der empfindlichste, verletzlichste und gefährlichste Teil des Therapieprozesses. Denn die Patientin fühlt sich ebenso schutzlos, hilflos und ausgeliefert, wie in der ursprünglichen Traumasituation, vielleicht vergleichbar mit einem Tier, das sich gerade häutet. Manchmal ist es hilfreich, der Patientin ausdrücklich zu vermitteln, dass ihre Angst, "es nicht aushalten zu können", "in der Erinnerung verloren zu gehen" oder "nicht mehr aufhören können zu weinen" und ähnliches mehr, zwar verständlich, aber unberechtigt ist. Denn im Vergleich zur ursprünglichen traumatisierenden Situation, in der sie klein, schwach, ausgeliefert, ohnmächtig und ohne Hilfe war, ist die heutige Situation eine deutlich unterschiedene: Die Patientin ist nicht mehr nur das Kind, sondern auch die erwachsene Frau und nicht allein, sondern in Begleitung ihrer Therapeutin. Bisweilen verwende ich das Bild, dass wir das Kind an der Hand nehmen, an der einen Seite sie als heutige Frau und auf der anderen ich als ihr Therapeut.
Das erwachende neue Selbstgefühl erlaubt dann der Patientin, zu den in der Ursprungssituation aus Überlebensgründen verdrängten Empfindungen von Ohnmacht, Hilflosigkeit, Trauer, Enttäuschung, Wut, Zorn, Aggression und Rachegefühlen wieder Zugang zu finden. Bisweilen wird das dazu führen, dass die Traumatisierer in der einen oder anderen Weise mit ihrer zerstörerischen Tat - Leonhard Shengold (1989) und Ursula Wirtz (1989) sprechen trefflich vom "Seelenmord" - konfrontiert werden können oder müssen. Dazu gehört manchmal auch eine Anzeige. In anderen Fällen, zum Beispiel, wenn der Täter schon verstorben ist, ist nur eine innere Auseinandersetzung mit ihm möglich. Die Wiederholungen des ursprünglichen Umweltversagens, die während der Behandlung passieren, und die damit verbundene Erfahrung angemessener Wut bringen die ins Stocken geratenen Reifungsprozesse wieder in Bewegung (Winnicott 1974, S. 275). Das "Auftauen eingefrorener Lebensprozesse" (Auchter 2002) führt wieder zu einer Progression.
Wichtig ist, dass für das (zunächst) "Unaussprechliche" wieder Worte gefunden werden, dass das Trauma "zur Sprache gebracht" werden kann. Durch eine derartige heilsame Verwörterung können ungelöste lebensgeschichtliche Probleme, wenn alles gut geht, langsam wirklich "Vergangenheit" (Alexander u. Margarete Mitscherlich 1977, S. 82) werden. Sie können dann sozusagen "seelisch zu den Akten gelegt" werden. Sie werden dann dank dem wohltuenden Wirksamwerden von schöpferischen Kräften nicht mehr die Gegenwart und Zukunft eines Menschen in einem Übermaß überschatten.
Die psychoanalytische Arbeit mit traumatisierten Patientinnen stellt eine ebenso belastende wie befriedigende Herausforderung dar. Der Psychoanalytiker muss bereit und fähig sein, sich auf das "Übertragungstrauma" einzulassen. Das bedeutet, insbesondere, wenn der Prozess bis an die "Wiederholung" des Traumas geführt hat, auch vorübergehend eine "Täteridentifikation" auszuhalten und nicht abzuwehren. Für den Behandlungserfolg sehr wichtig ist das zeitweilige Annehmen, Aushalten und zum gegebenen Zeitpunkt Ansprechen der sogenannten "negativen Übertragung".
"Missverständnisse" zwischen Patient und Analytiker sind unvermeidlich und ihr Umgang damit ist therapeutisch wirkungsvoll. Führt der Versuch der Klärung zu der Erkenntnis, dass der Analytiker einen Fehler gemacht hat, ist es unumgänglich, offen diesen Fehler zuzugeben und glaubwürdig um Entschuldigung dafür zu bitten. "Der Patient wird die Fehler des Therapeuten verzeihen, wenn seine Behandlung im Allgemeinen zufriedenstellend fortschreitet; Unehrlichkeit oder Vertuschen von Fehlern wird er dem Therapeuten jedoch nicht verzeihen. Von beidem hat der Patient in seiner Kindheit genug gehabt" (Masterson 1980, S. 107).
Die Massivität der "negativen Ãœbertragung" kann den Psychoanalytiker an die Grenzen seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten führen. Wenn diese Grenze erreicht ist, muss sie ausdrücklich markiert werden, weil die traumatisierten Patienten sonst ihr Gegenüber wie sie selbst erleben - ohnmächtig, hilflos, ausgeliefert. Gefordert ist also ein Balanceakt zwischen dem "Annehmen" der von den Patienten ausgehenden Aggression - ohne sich jedoch davon in seiner therapeutischen Funktion zerstören zu lassen (Winnicott). Die rechtzeitige Grenzsetzung hat eine ungemein wichtige therapeutische Funktion, auch als Identifikationsangebot für die Patienten. Die Sicherheit der Grenze erlaubt dem Analytiker auf der anderen Seite, seine sogenannte "Containerfunktion" (Bion) auszuüben. Das bedeutet: "Der Psychoanalytiker nimmt im Behandlungsprozess unerträgliche Gefühle der Patienten in sich auf und gibt sie ihnen bei passender Gelegenheit in einer so verarbeiteten Form zurück, dass sie für die Patienten annehmbar sind" (Auchter u. Strauss 2003, S. 52).
Da die therapeutische Arbeit mit traumatisierten Patienten eine so herausfordernde und belastende Aufgabe darstellt, verbietet sich eigentlich von selbst die ausschließliche Spezialisierung auf solche Störungen. Von daher sind sogenannte "Traumapraxen" oder "Traumatherapeuten", die nur solche Patienten behandeln, mit einer gewissen Skepsis zu betrachten.
Keine noch so gute und gelungene Psychoanalyse kann die Traumaerfahrung aus der Welt schaffen. Bisweilen benutze ich gegenüber meinen traumatisierten Patienten das Bild vom Trauma als einem "Loch im Ich", das die traumatische Erfahrung gerissen hat. Eine psychoanalytische Behandlung kann im besten Fall die Ränder des Loches ein Stück mehr zur Mitte hin verschieben, sodass es kleiner wird. Jeder Psychoanalytiker, die mit traumatisierten Menschen arbeitet, muss sich ihrer und seiner Grenzen ganz bewusst sein!

 

Literaturhinweise

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September 2009

* Autor: Thomas Auchter, Diplom-Psychologe, niedergelassener Psychoanalytiker in Aachen

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